München I Love You Lea

Kapitel 7: München, I Love You!

In Allgemein, München, I Love You!, News, Stories by Team

Love It All Figurine ist am Lesen


"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 7:

Lea

Seit einer Stunde saß Lea mit Sven über seinen Arbeitsblättern. Es war zwar Samstag, aber gestern waren sie einfach nicht fertig geworden. Sie erinnerte sich daran, wie sie nach dem Abitur glücklich gedacht hatte, dass sie sich nie wieder mit diesen dämlichen Matheaufgaben würde abgeben müssen. Und jetzt?!
Natürlich war ihr klar gewesen, dass sie ihren Kindern mit Hausaufgaben würde helfen müssen. Aber dass sie ihnen auch noch die Rechenwege erklären müsste, das hatte sie sich nicht so vorgestellt. Sie hatte schon mit dem Lehrer hin und her gemailt und sie war nicht die einzige. Gottseidank hatten sie Glück mit Herrn Grewe und er hatte zugesagt, ein weiteres Hilfsblatt auszuarbeiten. Bis dahin mussten sie erstmal weitermachen.
„Also pass auf“, sagte sie, das Gesicht in den Händen vergraben.
„Was sagst du?“, fragte Sven. Er hatte die Stirn in die Hand gestützt, die Haare standen ihm nach allen Seiten vom Kopf ab.
Lea nahm die Hände vom Gesicht.
„Das kriegen wir hin. Wo ist eigentlich Philip, der hat das alles doch schon gelernt?“
„Philip kann das, aber er kann es mir nicht erklären“, meinte Sven. „Haben wir schon probiert.“
Lea stand auf.
„Vielleicht kann er’s mir erklären.“
„Was ist mit Papa?“
„Der hat bis Mittag noch zu arbeiten, er kann sich erst nachher die Blätter ansehen.“
„Dann warten wir doch einfach bis dahin“, schlug Sven hoffnungsvoll vor. „Wir haben schon alles versucht.“
Lea musterte ihn unschlüssig.
„Du hast dir wirklich Mühe gegeben“, sagte sie. „Mach‘ eine Pause.“ Sie klappte ihren Laptop zu, den sie Sven für die Schularbeiten ausleihen musste. Eigentlich hatte er erst zum Geburtstag einen Laptop geschenkt bekommen sollen. Gestern hatten Markus und sie beschlossen, dass sie jetzt einen für ihn bestellen würden. Sie fragte sich, wie andere Familien das Home-Schooling bewerkstelligten, wo nur die Eltern eine Arbeitsstation hatten und auch noch Home-Office machen mussten.
Sie klopfte an Philips Zimmertür und ging dann hinein. Ihr großer Sohn saß an seinem Laptop am Schreibtisch, Kopfhörer auf den Ohren. Mit Vorahnung ging sie zu ihm, aber dann sah sie, dass er tatsächlich über seinen Aufgaben am Bildschirm saß. Philip hatte gestern fast nichts für die Schule getan, deshalb musste er heute ran.
„Wie läuft’s?“, fragte sie und tippte ihn an die Schulter.
Er schob die Kopfhörer ein wenig zur Seite.
„Läuft.“
„Wäre ein bisschen Stille nicht hilfreich?“
„Ist nur Musik“, sagte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. Wie sie dem Text entnahm, war er mit Chemie beschäftigt.
„Sag Bescheid, wenn’s Probleme gibt. Ich kann dir zwar nicht helfen und dein Vater auch nicht“, fügte sie resigniert hinzu, „aber sag Bescheid.“
Philip nickte. Jetzt sah er sie doch an und grinste.
„Ich schreib mir mit Marco. Der ist ein Checker was Chemie angeht. Kriegen wir hin.“
Lea hatte zwar die Vermutung, dass das mehr jugendlicher Gleichmut war als realistische Einschätzung, aber sie lächelte. Immerhin war Philips Kumpel Marco tatsächlich ein Einserkandidat.
„Dann geh ich jetzt auch arbeiten.“
Die Flurwand hinunter stand eine Schrankreihe, in denen Markus und Lea Büromaterial, Unterlagen und andere Sachen aufbewahrten, die sie seit Jahren nicht mehr durchgesehen hatten. Diese geheimnisvollen Fächer könnte sie sich jetzt, wo sie in der Freizeit nichts anderes machen konnte, endlich vornehmen, dachte Lea, wenig motiviert. Wie gut, dass sie erst noch zu arbeiten hatte, das Aussortieren musste warten.
Sie hatte gerade mal eine halbe Stunde gearbeitet, da klingelte das Handy. Lea erwog, es zu ignorieren, aber es war Doris. Doris war seit einem Jahr geschieden und wahrscheinlich fiel ihr die Decke auf den Kopf.
„Grüß dich“, sagte sie, als sie annahm.
Während Doris erzählte, dass sie mit der fünfjährigen Maria zu Hause die Arbeit im Home-Office praktisch komplett vergessen konnte, holte Lea die Wäsche aus der Waschmaschine.
„Aber Ostern ist zum Glück Dank der Polizei gerettet“, sagte sie.
„Wieso die Polizei?“, fragte Lea und kämpfte dabei mit dem Wäscheständer.
„Maria war panisch, das Ostern ausfällt, weil der Osterhase nicht nach draußen und die Ostereier verstecken darf.“
„Oh stimmt, auf die Idee wär ich gar nicht gekommen.“
„Natürlich nicht, weder du noch deine Jungs glauben noch an den Osterhasen. Jedenfalls ging das wohl auch anderen kleinen Kindern so. Zufällig habe dann ich einen Post aus dem Münchner Polizei-Twitter gesehen. Eine Mutter hat genau diese Frage ihres Sohnes der Polizei gestellt.“
Lea lachte.
„Na, die werden sich gefreut haben.“
„Offenbar hatten sie wirklich Spaß dran. Sie haben geantwortet in der Art, dass der Osterhase als schlaues Tier das Eier verstecken mit Bewegung an der frischen Luft verbindet und sich immer sorgfältig die Pfoten wäscht.“
„Sehr schön. Den Mindestabstand hält er eh ein, weil ihn ja niemand sehen darf“, ergänzte Lea. „Also kein Bußgeld für Hasi.“
„Genau. Ich habe es Maria gezeigt und dann hat sie mir geglaubt, dass Ostern nicht ins Wasser fällt.“
Gerade, als Lea die Wäsche aufgehängt hatte, kam Doris zu ihrem eigentlichen Anliegen.
„Ich habe beschlossen, ich werde jetzt wieder das Daten anfangen.“
„Glückwunsch, einen besseren Zeitpunkt hättest du dir nicht aussuchen können“, sagte Lea.
„Ja, ein bisschen ungünstig“, räumte Doris ein, ließ sich aber nicht weiter beirren. „Ich habe mich bei dieser Tinder-App angemeldet. Ich wollte nicht gleich so viel Geld ausgeben.“
„Mhm“, machte Lea nur. „Ich kenne mich damit nicht aus, aber meinst du, das ist die richtige App für dich?“
„Also, meine Theorie ist die“, erklärte Doris. „Jetzt, wo wir doch gar nicht jemanden treffen dürfen, kann man auch auf dieser App erstmal nichts andres machen, als ein bisschen hin und her schreiben und testen, ob man sich interessant findet. Ganz geschützt ohne den Zwang, dass man sich sofort treffen und weitergehen muss.“
„Aha.“
„Ja, aber ich finde das total langweilig, wenn ich da allein sitze und entscheiden muss.“
„Das glaube ich dir.“
„Schalte doch mal auf FaceTime um. Ich nehm’s auf dem iPad entgegen und du schaust mit ins Handy.“
„Ich muss noch arbeiten“, versuchte sich Lea herauszuwinden. Sie kannte ihre Freundin, und sie wollte sich nicht Entscheidungen aufdrücken lassen, die sie nicht treffen konnte.
Sie selbst konnte sich sowieso nicht vorstellen, jemanden nur nach irgendeinem Foto auszusuchen. Da gehört doch soviel mehr zu, um zu wissen, ob einen jemand anzog oder nicht.
„Ach komm schon, du kannst doch eben eine Pause machen.“
Eine ist gut, dachte Lea, sie hatte seit zwei Tagen Pause für andere gemacht. Andererseits freute es sie, dass Doris endlich wieder etwas lebensfroher zu sein schien.
„Also gut. Ich rufe dich an.“
Wenig später musste Lea zugeben, dass es ziemlich lustig sein konnte, zumindest, solange sie nicht selbst in der App war.
„Was ist mit dem?“, fragte Doris und hielt das Display in die Kamera. „Der ist doch schick.“
Lea kniff leicht die Augen zusammen.
„Der braucht im Bad länger als du. Neben dem kannst du dich nie entspannen.“
„Du bist so streng.“
„Dann frag ihn an“, sagte Lea ergeben.
„Nein, weg damit.“ Doris wischte über das Display. Der nächste wurde gleich weggewischt.
„Was war mit dem?“, fragte Lea.
„Langweilig.“
Klares Urteil innerhalb von maximal zwei Sekunden.
So ging es noch acht Männer lang. Übrig blieben zwei, die Doris näher interessierten. Beim letzten fand Lea, dass der Mann zu Doris weder vom Typ her noch nach den angegebenen Interessen passte, aber der Einwand wurde ebenso weggewischt wie die Männer davor.
„Man kann das nicht wissen, das hast du vorhin selbst gesagt. Ich habe gedacht, Andreas und ich werden ein wunderbares Paar, weil wir beide Kinder und ein Haus wollten, und auf den Weihnachtskartenfotos sahen wir so hübsch miteinander aus. Nun sieh dir an, wohin das geführt hat.“
„Naja“, sagte Lea vorsichtig. „Über Maria seid ihr zumindest beide glücklich.“
Doris seufzte.
„Weißt du noch, wonach du Markus ausgesucht hast?“
Lea lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und legte die Beine hoch auf eine Ecke des Küchentischs. Also ausgesucht hatte sie Markus schon mal nicht. Er war einfach plötzlich in ihrem Leben aufgetaucht. Als sie daran dachte, musste sie schmunzeln. Seine Stimme und seine Art hatten es ihr damals angetan, das war erstmal alles gewesen. Aber das hatte ihr Herzklopfen bereitet. Ob er ihr Typ gewesen war, konnte sie gar nicht sagen. Eher nicht, wenn sie sich anschaute, auf welchen Typ Mann sie gestanden war. Zumindest hätte sie Markus damals auf einem Foto vielleicht als gut aussehenden Mann bezeichnet, aber danach ohne weiteres Interesse weggewischt.
„Mach‘ das ruhig mit dieser App. Nimm‘ es leicht, wie du schon sagtest. Einfach wieder ein bisschen das Flirten üben.“
„Ich werde mal abwarten, ob sich einer meldet.“
„Wird schon. Ansonsten fängst du mit dem Daten an, sobald wir wieder raus können. Dann gehen wir beide abends aus, da lernst du auf jeden Fall jemanden kennen. Meine Jungs können Maria babysitten.“
Doris lachte.
„Das ist ein Plan. Na gut, dann werde ich jetzt Maria wecken, die ist auf meinem Bett nach dem Mittagessen eingeschlafen, und lasse dich wieder arbeiten.“
Lea sah auf die Uhr.
„Bei uns ist es höchste Zeit für Mittag. Da noch niemand in der Küche aufgetaucht ist, nehme ich an, dass sich keiner zum Kochen berufen fühlt. Mach’s gut, meine Liebe.“

Coffee to go im Love It All Style

Lucas

Im Coffee Addicts in der Wörthstraße gab es eine Betriebssitzung. Lucas und Dirk hatten, nachdem klar war, dass ab Montag die Gastronomen schließen mussten, die Filialen heute schon mittags geschlossen. Jetzt saßen alle fünfzehn Mitarbeiter auf Stühlen und hörten mit besorgten Mienen Lucas und Dirk zu. Lucas hatte ihnen erklärt, was sie sich für eine Vorgehensweise überlegt hatten.
„Montag wird nur hier in der Wörthstraße geöffnet sein. Ihr anderen, bleibt vorerst zu Hause. Nein“, nahm er die Fragen gleich vorweg, „ihr verliert für den Tag oder die nächsten Tage nicht euer Geld. Wir kennen eure Rechte, die halten wir ein.“
Das Aufatmen, das durch die Gruppe ging, war nicht nur hör- sondern spürbar.
„Wenn alles gut läuft“, fuhr er fort, „wissen wir, ob wir am Dienstag die beiden anderen Filialen auch öffnen dürfen. Wir werden dann immer eine Stunde früher anfangen müssen als sonst, wegen der Auslieferung der Bestellungen. Damit gleichen wir aus, dass wir täglich um fünfzehn Uhr dicht machen sollen. Insgesamt wird weniger anfallen, aber das versuchen wir erstmal auszugleichen. Bei den Auslieferungen möchte ich vor allem unsere Minijobber dabeihaben. Für euch können wir kein Kurzarbeitergeld beantragen, also versuchen wir, dass ihr weiter arbeiten könnt. Wir anderen liefern im Turnus aus. Dirk hat einen Plan erstellt und vorläufig einmal die Zeiten eingeteilt.“
Dirk hob seine Hand.
„Die Betonung liegt auf vorläufig. Ich habe euch eingetragen, damit ihr seht, was ich meine und entsprechend euren bisherigen Arbeitstagen. Also keine Panik, wenn was nicht passt, sondern redet mit mir, okay?“
Alle nickten.
„Die Filialen wollen wir zunächst alle für den Außerhaus-Verkauf offen halten“, fuhr Lucas fort. „Erst einmal beantragen wir keine Kurzarbeit.“ Ihr Team musste nicht wissen, dass sie für die übrigen laufenden Kosten trotzdem einen Antrag auf einen Kredit würden stellen müssen. „Eventuell brauchen wir aber vorsorglich eure Einwilligung. Da informieren wir euch nochmal über die Details. Wir sehen jetzt erstmal, wie wir vorankommen und entscheiden im Verlauf der Situation, was zu tun ist.“
„Agile Führung – ganz weit vorn“, rief Martin, einer der Barrista.
In Anbetracht der Lage war diese frotzelnde Bemerkung nicht wirklich passend, aber Lucas musste grinsen. Martin war ein Sprücheklopfer. Er hob den Daumen in Martins Richtung.
„Wie agil werden wir jetzt alle beweisen.“
Die Stimmung war ein wenig aufgelockert.
„Ich hoffe, ihr seid im Boot. Wir haben lange überlegt. Das ist im Augenblick das Beste, was wir euch anbieten können.“
Lucas beobachtete sein Team gespannt. Nach einem Moment erfolgte zustimmendes Gemurmel. Sandra und Tobi klatschten sogar, die anderen nickten zumindest, Tommy klopfte auf seinen Tisch.
Lucas ließ den Atem raus, den er unbewusst angehalten hatte.
„Danke an euch.“
„Wir schaffen das“, sagte Dirk laut. Die anderen sahen ihn verblüfft an. Normalerweise war Lucas der Motivator des Teams, Dirk hielt sich gerne zurück. Diese Zuversicht von Dirk zu hören hatte sichtbar Wirkung auf die Mitarbeiter, ihre Mienen entspannten sich noch etwas mehr.
„Danke, dass ihr mitmacht“, sagte Lucas. „Jetzt ab nach Hause und habt ein schönes Wochenende. Kopf hoch.“
Erst als sie das Café verließen, merkte Lucas, wie angespannt er gewesen war. Er bewegte die Schultern, um die Muskeln zu lockern.
„Du, Lucas?“
Theresa, eine Barrista aus der Schlörstraße stand neben ihm. Sie war seit knapp einem Monat dabei.
„Kann ich dich nochmal kurz sprechen?“
„Klar.“ Er hatte sich schon gedacht, dass ein paar sicher noch Fragen haben würden. Allerdings hatte er gehofft, dass es nicht ausgerechnet Theresa wäre, aber das hätte ihn nicht wundern sollen. Mit ihr war nichts einfach.
„Also“, begann sie und zwirbelte eine Haarsträhne zwischen den Fingern. „Ich hab mir das im Internet mal mit der Kurzarbeit durchgelesen.“
„Ist ziemlich verwirrend, hast du eine Frage dazu?“
„Indirekt. Ich und mein Freund, wir machen langsam ernste Pläne, eine Familie zu gründen. Ist an der Zeit.“
Verwirrt sah Lucas sie an.
„Naja“, erklärte sie. „Ich hab gelesen, dass das Kurzarbeitergeld wohl nicht als Einkommen für das Elterngeld zählt. Man weiß ja nicht, wie lange diese Krise nun gehen wird. Also, mal angenommen, ich würde in den nächsten Monaten schwanger werden, dann wären dass einige Monate, wenn ihr Kurzarbeitergeld beantragen würdet. Das würde dann mein Elterngeld total drücken, wenn ich das richtig verstehe.“
„Bist du denn schwanger?“, fragte Lucas.
„Nee. Aber es könnte ja passieren.“
Er merkte, wie die Ungeduld in ihm hochkroch.
„Ich würde gern wissen“, fuhr sie fort, „ob wir eine extra Regelung für mich finden können, damit ich nicht unter das Kurzarbeitergeld falle.“
Lucas schloss kurz die Augen.
„Okay, hast du mal mitgezählt, wieviel Konjunktiv du gerade verwendet hast?“
Verständnislos blinzelte sie ihn an.
„Können wir uns drauf einigen, dass wir uns darüber Gedanken machen, wenn du tatsächlich schwanger bist? Beziehungsweise, wenn wir wirklich Kurzarbeitergeld beantragen, was wir hier gerade mit allen Mitteln zu verhindern versuchen?“
„Ich wollte das gern besprochen haben“, sagte sie beleidigt und ihre Unterlippe zitterte. Entnervt schaute er auf sie herab.
„Hältst du das für den richtigen Augenblick? Lass mich dir einen Tipp geben: das ist er nicht.“
Wortlos drehte sie sich um und verließ die Filiale.
„Bin gespannt, ob sie sich nächste Woche krank meldet“, meinte Dirk nachdenklich hinter ihm.
Lucas fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
„Sorry, unprofessionel. Aber mir ist die Sicherung durchgeknallt. Hab ich etwa eine Kristallkugel für Familienplanung auf der Schulter?“
Dirk klopfte ihm beruhigend auf dieselbe.
„Alles gut, wir sind alle unter Strom. Ehrlich gesagt, wollte ich mit dir sowieso über Theresa sprechen, bevor die Probezeit um ist. Sie passt nicht sonderlich gut ins Team. Aber das verschieben wir auf nächste Woche.“ Er legte den Kopf schief.
„Wie wär’s mit einem Bier?“
„Um halb eins?“
Dirk zuckte die Schultern.
„Das ist München. Ohne Corona würden die Leute jetzt überall mit einem Hellem oder Aperol Spritz sitzen.“
„Auch wahr“, stimmte Lucas zu. Als sie auf der Straße standen, atmete er tief durch. Das Wetter war herrlich, den Frühling konnte man förmlich riechen. Er setzte seine Sonnenbrille auf. „Lass uns ins Sapralott gehen.“

Marta

Marta stand in der Apotheke an der Leopoldstraße an dritter Stelle in der Schlange. Genauer gesagt, sie stand vier Meter vom Tresen entfernt auf einem roten Abstandspunkt auf dem Boden. Es hatte sie eine Viertelstunde gekostet, sich von draußen vom Bürgersteig in die Apotheke hinein auf diesen Punkt vorzuarbeiten. Es ist einfach skurril, dachte Marta.
Sie zuckte zusammen, als die Frau, die bedient wurde, immer lauter wurde.
„Wieso haben Sie keine Masken mehr?“, rief sie
„Es tut mir leid, sie sind ausverkauft“, sagte die Apothekerin.
„Aber Sie haben eine auf der Nase! Wir anderen können verrecken, oder was? Das ist wieder typisch. Niemand nimmt Rücksicht mehr.“
„Wir versuchen, so schnell wie möglich welche nachzubekommen“, erklärte die Apothekerin ruhig. „Wir tragen Masken, weil wir mit so vielen Leuten hier in Kontakt kommen.“
„Na, dann kann ich Sie einfach anniesen. Sie sind ja schön sicher! Wie soll ich mich denn schützen?“
Die Apothekerin trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Würden Sie jetzt bitte gehen. Ich hoffe, wir haben bald neue Masken. Die anderen Kunden warten.“
Schimpfend drehte sich die Frau um.
„Alles Beschiss ist das“, wütete sie auf dem Weg nach draußen. „Die Regierung kümmert das alles nicht. Dieses Land geht sowieso den Bach runter. Der Staat tut nichts!“ Damit verschwand sie hinaus auf die Straße. Draußen wichen die wartenden Leute ihr aus und versuchten, sie zu ignorieren.
Marta und der Mann vor ihr tauschten einen Blick und er schüttelte den Kopf, bevor er an den Tresen vor ging.
Wie Worte die Atmosphäre verseuchen können, dachte sie. Die Wut, der Frust und die hysterische Angst der Frau klebten förmlich überall im Raum. Marta bewegte unwillig die Schultern, um die schwere Wolke der Negativität abzuschütteln. Sowas fiel ihr sonst nie so auf. Ihr Handy klingelte.
„Silvie“, sagte sie, als sie ranging, „ich rufe dich gleich zurück, ich stehe mitten in der Schlange bei der Apotheke und-.“
„Nein Mami, nicht auflegen! Du musst mir zuhören“, rief ihre Tochter. Kein cooles „Mom“. Bei Marta schrillten die Alarmglocken.
„Was ist denn los?“, fragte sie.
„Sie wollen hier die Flughäfen sperren!“

Zurück zur Übersicht

Kapitel 8 coming soon: 16.04.2020!