München I love you Design LOVE IT ALL

Kapitel 21: München, I Love You!

In Allgemein, München, I Love You!, News, Stories by Love It All Team

Love It All Figurine ist am Lesen


"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 21:

Manfred

Zufrieden betrachtete Manfred sein Werk. Er war gut vorangekommen mit dem Schreibtisch für Lucas. Bei jeder Gelegenheit hatte er in der letzten Zeit im Hinterhof gearbeitet. Gerade, als er festgestellt hatte, dass ein Brett nicht richtig passte, und er eine Hobelbank gebraucht hätte, wurden die Baumärkte wieder geöffnet. Sofort war er zum Baumarkt gefahren. Das mit dem Abstandhalten versuchte man dort zu organisieren, indem jeder einen Einkaufswagen nehmen musste und angeblich wurde nur eine gewisse Anzahl an Kunden hereingelassen. Mit seiner Maske und einem Wagen bewaffnet, hatte er in der Schlange warten müssen, bis er endlich hineinschieben konnte. Drinnen war es ihm trotzdem bedenklich voll vorgekommen. Die Leute wuselten begeistert durch die Gänge, als wären die Baumärkte in Bayern nicht nur einen Monat, sondern eher ein Jahr geschlossen gewesen.
In der Holzabteilung hatte man ihm helfen können und die Maße schnell für ihn berichtigt. Für seinen Geschmack viel zu schnell, denn er wollte noch nicht dieses Paradies der Möglichkeiten und Ablenkung verlassen. Er hatte die Freiheit genossen und gleich noch eine Runde durch Gänge gedreht, in denen es nichts gab, was er brauchte. Doch man konnte nie wissen, hatte er sich gesagt. Prompt hatte er dann auch einen neuen Handtuchhalter erstanden, der viel schicker war als der alte, den sie hatten und auch bestimmt praktischer.
Schließlich hatte er nichts mehr zu entdecken gehabt und sich auf den Heimweg begeben. Er hatte sich geradezu gestärkt von seinem Abenteuer gefühlt. Selbst seinem Knie ging es viel besser.
Das war nun schon wieder zwei Wochen her, und mittlerweile hatte er nicht nur den Schreibtisch fertig, er hatte auch eine kleine Verbesserung vorgenommen. Lucas hätte bestimmt nichts dagegen gehabt, wenn er ihn gefragt hätte. Er hatte ihm eine extra Schublade eingebaut. Auch damit war er nun fertig. Am liebsten hätte er dem Tisch eine Schnitzerei verpasst. Das konnte er wirklich gut. Aber das traute er sich dann doch nicht ohne Lucas Erlaubnis, da sein Sohn eher zum Purismus neigte. Während er den Tisch betrachtete, fiel ihm ein, dass er dem eigenen Balkontisch stattdessen eine individuelle Note geben konnte. Der war aus Holz und dick genug für Schnitzereien. Er müsste es nur geschickt beginnen, damit Elisabeth keine Diskussion mit ihm anfing.
In diesem Moment ging die Tür zum Hof auf, und Elisabeth kam aus dem Haus. Als ob sie seine Gedanken gehört hätte. Er deutete auf den Tisch.
„Fertig.“
Sie blieb neben ihm stehen und betrachtete das gute Stück.
„Er ist wirklich schön geworden. Da wird Lucas sich freuen.“
„Ich glaube auch er ist geworden, wie er ihn geplant hatte.“
Zufrieden fuhr er mit der Hand über die Schreibplatte.
„Dann räum‘ mal alles zusammen jetzt“, sagte seine Frau entschlossen, „wir gehen nämlich gleich in die Kirche.“
Manfred verschlug es die Sprache. Sie gingen so gut wie nie in die Kirche.
„Warum denn das?“
„Weil die Museen immer noch geschlossen sind“, erklärte sie schlicht. „Ich will endlich wieder etwas unternehmen. Die Kirchen haben seit gestern geöffnet, und heute um achtzehn Uhr ist ein Gottesdienst in der St. Ursula Kirche.“
„Da müssen wir erst nach Schwabing fahren“, wandte er ein. „Warum müssen wir denn ausgerechnet in einen Gottesdienst gehen? Ich kann dich morgen auch mit in den Baumarkt nehmen.“
Sie wischte das mit einer Handbewegung beiseite.
„Weil Ute und Sepp auch hingehen. Wir haben uns dort verabredet. Man muss zwar drinnen zwei Meter Abstand halten, aber so können wir uns treffen und anschließend noch ein wenig ratschen vor der Kirche.“
„Ach so“, meinte er. Ute und Sepp waren gute Freunde von ihnen. Wenn Sepp sich hatte überreden lassen, würde er es ihm sicher sehr übel nehmen, wenn er seinen Spezl dort allein hängen ließ. Sie klopfte ihm auf den Arm.
„Es darf auch nicht gesungen werden wegen des Infektionsrisikos, du kannst ganz entspannt sein.“
„Ich singe gern“, sagte er mit einem Schmunzeln. „Du findest nur immer, dass ich die Töne nicht treffe.“
Sie überdachte das.
„Na gut, dann bin ich entspannt, dass man nicht singen darf. Komm, wir wollen nicht zu spät sein. Ich bringe den beiden außerdem zwei Masken mit, die Ute bei mir bestellt hat. Brauchst du hier Hilfe?“
„Nein.“
„Dann bis gleich.“
Eine Stunde später waren sie am Kaiserplatz und stiegen die Stufen zu St. Ursula hinauf. Vor dem Eingang stand bereits eine Schlange von Menschen an.
„Ach, so ein Zufall“, ertönte eine Frauenstimme. „Sepp, schau wer da ist.“
Eine kleine Frau, die Haare sorgfältig am Hinterkopf geflochten, zog ihren Mann hinter sich her zu ihnen herüber. Sepp war mehr von der gemütlichen Sorte, ein ordentlicher Bauch wölbte sich über dem Hosenbund.
Ute streckte die Arme aus, besann sich dann und warf sie statt dessen ungehalten in die Höhe.
„Ach, das darf man ja alles nicht. Schön, euch endlich wieder zu sehen. Lissy, ich hoffe, du hast die Masken dabei. Der Sepp hat seine prompt zu Hause liegen lassen. Wir sind zu Fuß hergekommen, da ist mir das auch nicht aufgefallen.“
Sepp zeigte kein Anzeichen von schlechtem Gewissen.
„Wir stellen und schon mal an, ihr kommt nach“, sagte er zu seiner Frau.
„Ich hatte die kleine Hoffnung, dass wir beide dann stattdessen einen Spaziergang machen könnten“, vertraute er Manfred an, als sie sich entfernten.
„Netter Versuch“, lobte Manfred. „Aber meine Frau kann die halbe Stadt mit Masken versorgen, da bist du an die Falsche geraten.“
„Zefix. Weißt wie lang i nimmer in der Kirche war?“
„Seit der Sigrid ihre Kommunion?“ Sepps Enkelin stand mittlerweile schon die Firmung bevor.
„Könnt hinkommen.“
„Bin gespannt, wie gut man den Pfarrer versteht hinter seinem Mundschutz.“
„Weißt“, meinte Sepp, „Am liebsten hätt ich uns a Bier mitgebracht. Wo wir da die ganze Zeit hocken.“
„Sozusagen a Schenkelhalbe“, meinte Manfred grinsend. Sepp stieß ihn zustimmend in die Seite.
„Oder zwoa. Autofahren müssen wir ja nicht.“
„So“, sagte Elisabeth hinter ihnen, „hier Sepp, deine Maske.“
Mit wenig Begeisterung banden sie sich alle die Masken vor Mund und Nase.
„Wir müssen uns aber so hinsetzen, dass wir zwei ein bissl über die Distanz flüstern können“, sagte Ute zu Elisabeth. „Ich freu mich so, dass wir uns sehen.“
„Und wir?“, fragte Sepp empört. „Dann setzen wir uns auch nebeneinander.“
„Könnt’s ja machen“, sagte seine Frau nur. „Mei endlich unternehmen wir wieder etwas gemeinsam. Lissy, was ist mit deinem Geburtstag am Samstag? Meinst, wir können irgendwie zusammen kommen?“
Elisabeth schüttelte traurig den Kopf.
„Das sehe ich nicht. Es heißt, dass man sich bis dahin vielleicht in der Familie wieder treffen darf. Aber wen das alles umfasst, ist schon fraglich. Wahrscheinlich nicht einmal meine Nichte mit ihrer Familie. Aber“, fügte sie zuversichtlich hinzu, „immerhin könnten die Kinder uns dann besuchen. Mit euch feiern wir nach. Das wird doch nicht ewig so weitergehen.“
„Mei, des will ich hoffen“, stimmte Ute zu. „Sonst erkranken wir alle an ganz anderen Dingen als an Corona in dieser Isolation.“
„Der Zoo soll bald öffnen dürfen“, erzählte Elisabeth. „Ich habe gelesen, dass die Tiere sich mittlerweile merklich langweilen. Anscheinend sind die Besucher genauso Unterhaltung für sie wie umgekehrt.“
„Also, ich wäre lieber in den Zoo gegangen“, meinte Manfred.
Er ging als erster hinein. Zwei Frauen standen hinter dem Eingang und gaben den Leuten Anweisungen, wo sie entlang gehen und auf welche Markierungen sie sich setzen sollten. Während die eine Manfred alles erklärte, beobachtete die andere ihn streng über ihre Maske hinweg. Er fühlte sich unangenehm an seine Grundschulzeit erinnert und wurde nervös.
„Sind Sie gesund?“, fragte sie ihn plötzlich misstrauisch.
„Noch“, antwortete er. Sie kniff leicht die Augen zusammen, als könne sie in seinen erkennen, ob er etwa heimlich das Virus einschmuggelte.
„Alles gut, Katharina“, meinte die andere und an ihren Augen konnte er erkennen, dass sie hinter der Maske lachte. Sie wies Manfred den Seitengang entlang.
„Manche sind ein kleines bisschen überfordert“, murmelte sie ihm zu, als er vorbeiging. Er antwortete mit einem Zwinkern.
„Überfordert“, brummelte Sepp, der gleich hinter ihm herkam. „Genießen tut die liebe Katharina ihre Rolle. Wahrscheinlich hat sie sich schon Merkmale zurechtgelegt, an denen sie Covid-Infizierte erkennt. Gut, dass sie dich nicht aufgefordert hat, den Finger ins Weihwasser zu halten, um zu sehen, ob’s zischt.“
Dann saßen sie auf der Kirchenbank im Abstand von zwei Metern zueinander. Manfred lehnte sich zu Sepp hinüber.
„Nicht singen.“
„Des passiert mir net.“
„Auf der Wiesn schon.“
„Mei, red mir net davon“, rief Sepp. „Das ich des überhaupt einmal erleben muss, das die Wiesn ausfällt! Des hätt’s wirklich net braucht.“
„Da werden die Leut sich hoffentlich scho was anderes ausdenken“, sagte Ute, die hinter ihnen saß. „Oh, da kommt der Pfarrer. Jetzt müssen wir wohl still sein.“
Dann lauschten sie der ersten Predigt seit langer Zeit. Manfred lehnte sich zurück und betrachtete dabei in Ruhe die Architektur. Er wusste gar nicht mehr, wann er das letzte Mal im „Dom von Schwabing“ gewesen war. Irgendwie war es eine ungewöhnliche und gleichsam berührende Atmosphäre in der Kirche mit der kleinen Gemeinde, die hier zusammengekommen war. Mal wieder eine ganz neue Erfahrung, dachte er.

München Skyline LoveItAll

Marta

Als man ihre Wohnung modernisiert hatte, hatte eindeutig keiner Lockdowns berücksichtigt, dachte Marta. Sie saß auf dem Sofa im Wohnzimmer, während Theo am anderen Ende des Raumes am Wohnzimmertisch hinter seinen Bildschirmen saß. Ursprünglich war dies sicher einmal eine Wohnung mit vier Zimmern gewesen, wenn nicht sogar fünf. Dann hatte man versucht, den großzügigen Loft-Trend umzusetzen. Sie betrachtete den Mauervorsprung ungefähr auf Höhe der Hälfte des Raumes. Hier hatte man wohl einen Durchbruch gemacht. Die Wohnküche entsprach auch nicht wirklich dem Baujahr des Hauses. Auch da hatte man höchstwahrscheinlich ein kleineres Zimmer integriert. Beim Einzug hatte ihr das alles gut gefallen. Helle, weite Räume, da würde man sich nicht eingeengt fühlen. Falsch gedacht.
Theo war in einem Call. Er hatte seine Kopfhörer in den Ohren und sie hörte nur seine Stimme. Trotzdem hätte sie daneben nicht auch telefonieren oder konzentriert arbeiten können. Sie saß über den Unterlagen für die Nebenkostenabrechnung der vermieteten Wohnung und ihrer eigenen Steuererklärung für das letzte Jahr und hatte für’s erste aufgegeben. Sie könnte in die Küche ausweichen, aber dort hatte sie noch nie gern gearbeitet.
Wir sollten unbedingt wieder eine Wand einziehen. Oder zumindest eine Falttür, dachte sie. Nur für den Fall, dass mal wieder eine Pandemie ausbrach. Bei der Spanischen Grippe hatte es insgesamt drei Infektions-Wellen gegeben, hatte sie gelesen. Sie brauchten unbedingt eine Zwischenwand für ein weiteres Zimmer.
„Nein, das hast du bisher gut gemacht“, hörte sie Theo sagen. „Das bekommst du alles hin, wir haben jetzt die Punkte gefunden, wo es noch knirscht. Mach‘ erstmal weiter, und dann gehen wir das Ganzen noch einmal gemeinsam durch… Gern, das ist auch für mich immer wieder interessant.“
Marta merkte, wie sie immer gereizter wurde, je mehr sie der Motivationsrede ihres Mannes lauschte. Die ganze Zeit schon hatte sie miterlebt, wie er seinem Mitarbeiter konzentriert zuhörte, Input gab, Zweifel ausräumte und ihm sowohl Kritik als auch Zuspruch gab.
Es wäre schön, wenn er diese Energie und das Interesse auch in der Familie an den Tag legen würde. Aber dafür reichte es dann nicht mehr.
Ach, was regte sie sich auf. Sie legte die Unterlagen beiseite und nahm ihren Notizblock. In die Mitte des leeren Blatts schrieb sie „Ich“ und malte einen Kreis darum. Dann zeichnete sie davon ausgehende Striche und machte an jedes Ende einen Kringel. In einen schrieb sie „Mutter“, in den nächsten „Sekretärin“, in einen „Ehefrau“ und in einen weiteren „Coach für Emma“. In zwei weitere machte sie Fragezeichen. Dann strichelte sie eine Linie zwischen Ehefrau und Sekretärin. Nachdenklich betrachtete sie ihr Werk. Sie blieb an „Ehefrau“ hängen. Was beinhaltete das eigentlich bei ihr? Abgesehen von Sekretärin. Nein, das war auch übertrieben, das war nur ihr Frust. So, wie all diese Verbindungen und Fragezeichen letztlich selbstgemachter Frust waren. Aber mal ehrlich, Marta, dachte sie plötzlich, was verstehst du denn unter „Ehefrau“? Bei „Mutter“ wusste sie das sofort, fiel ihr auf.
Das hatte sie einfach hingekritzelt, aber während sie auf die Skizze sah, wurde ihr klar, dass es höchste Zeit war, sich eingehend mit dem Inhalt all dieser Kringel zu beschäftigen. Dafür hätte sie nur gern Ruhe und einen Raum für sich gehabt.
Das Schlafzimmer kam ihr unpassend vor. Vielleicht sollte sie doch in die Küche gehen. Nicht der beste Platz. Den Zettel sollten auf jeden Fall weder Theo noch Silvie im Vorbeigehen sehen. Ihre Gedanken drifteten zum Sonntag im Luitpoldpark ab. Über eine Woche war vergangen, und bisher hatte sie ihn nicht einmal gegoogelt. Je weniger sie an ihn dachte, desto besser, hatte sie sich gesagt. Dass sie Ben nicht gegoogelt hatte, hatte allerdings nicht verhindert, dass er immer wieder in ihrem Kopf auftauchte. Irgendwie hing alles zusammen, kam ihr der Verdacht. Schaute sie sich das eine nicht an, konnte sie auch in anderen Bereichen ihres Lebens nicht weiterkommen.
Unwillig klappte sie den Notizblock zu, gerade als die Tür aufging und Silvie den Kopf herein steckte.
„Kann ich dich was fragen?“
„Was denn?“, fragte Marta.
„Kommst du raus?“
Froh um die Unterbrechung stand Marta auf und verließ das Wohnzimmer.
„Kann ich mich mit Birte und Alina treffen?“, fragte Silvie sobald sie im Flur standen.
„Natürlich nicht“, sagte Marta prompt. „Das weißt du doch, dass das derzeit nicht geht.“
„Ach Mann!“, rief ihre Tochter. „Die anderen dürfen alle!“
Marta runzelte skeptisch die Augenbrauen.
„Das kann ich mir nicht vorstellen.“
„Sagen sie aber. Alina und Birte haben sich schon ein paar Mal getroffen. Nur ich wieder nicht.“ Silvie drehte sich auf dem Absatz um und stürmte in ihr Zimmer.
Mit einem Seufzen folgte sie ihr. Silvie saß mit untergekreuzten Beinen auf dem Bett und sah finster aus dem Fenster.
Marta ging zum Bett und setzte sich darauf.
„Es tut mir leid, dass es so eine blöde Zeit ist.“
Ihre Tochter schüttelte nur den Kopf.
„Mir reicht das alles. Das kann nicht so schlimm sein! Wenn ich in die Stadt gehe, bin ich doch auch mit Menschen in der Tram unterwegs. Ob da nun eine Freundin darunter ist oder nicht, wo ist denn da der Unterschied?“
Marta überlegte. Sie hatte sich die Vorschriften durchgelesen, danach durfte man streng genommen noch niemanden aus einem anderen Haushalt treffen. Andererseits war ihre Tochter die Wochen über mehr als brav gewesen. Sie hatte keine Geschwister, und mit ihren Freunden hatte sie nur über WhatsApp und FaceTime oder was auch immer Kontakt gehabt.
„Ich verstehe dich wirklich“, sagte sie. „Ich finde außerdem, dass du das alles wahnsinnig gut gemeistert hast. Die ganzen Wochen allein, nur mit uns, und dann noch deine Schularbeiten. Ich würde dich wirklich gern belohnen, Schatz.“
Silvie warf ihr einen finsteren Blick zu.
„Wie läuft’s mit Vincent?“, fragte Marta vorsichtig.
Silvie zuckte mit einer Schulter.
„Ist okay.“ Dann fügte sie hinzu. „Der vergisst mich auch langsam.“
„Warum, hört ihr euch denn nicht mehr?“
„Doch“, räumte Silvie zögernd ein. „Aber wir haben uns seit dem Sonntag nicht gesehen. Wir machen gar nichts zusammen. Er hat sich mit einem Kumpel in der Stadt treffen dürfen.“ Sie sah ihre Mutter unsicher an. „Ich hab auch gar nichts mehr zu erzählen. Außer, dass ich ihn an seinen Lehrplan erinnere. Ganz toll.“
„Er hat doch sicher genauso wenig Neues erlebt“, sagte Marta lächelnd.
„Das ist es ja“, brummte Silvie. „Ach, auch egal. Ich möchte nur endlich wieder raus und eben nicht nur mit einem von euch.“
„Also gut, pass auf“, sagte Marta nach einer Weile. „Ich biete dir folgenden Deal an. Es sind nur noch ein paar Tage, bis du wieder mit der Schule anfängst. Ab elften Mai kannst du deine Freunde gleichzeitig wiedersehen, zumindest an ein paar Tagen die Woche. Ich erlaube dir, heute in die Stadt zu gehen. Aber du darfst dich nur mit einer Person treffen. Einer zur Zeit“, fügte sie hinzu.
Silvies Miene erhellte sich und verdunkelte sich dann wieder.
„Aber Alina und Birte sind schon verabredet.“
„Dann frag sie, ob eine sich mit dir vorher trifft. Ehrlich, Silvie, ich verlasse mich drauf. Mit einer Person kannst du dich treffen. Es ist jetzt halb eins. Du kannst dich auch mit einer Freundin treffen und später noch mit einer anderen. Ich weiß, dass das den Sinn und Zweck der Regelungen nicht erfüllt, aber das würde ich dir trotzdem erlauben.“
Sie konnte zusehen, wie Silvie ihre Chancen abwog.
„Na gut, ich frag mal, was sie meinen.“
„Kannst auch Vincent fragen, ob er Zeit hat“, schlug Marta vor.
„Ich schau mal.“
Es klopfte an der Tür, und Theo schaute herein.
„Da seid ihr. Wie sieht es denn aus mit Mittagessen?“
Silvie schaute ihre Mutter fragend an.
„Wenn du fertig bist mit deinem Call kann ich was zu Essen machen. Silvie ist wahrscheinlich nicht mit dabei, die geht mit einer Freundin in die Stadt.“
„Aha?“, meinte Theo überrascht.
„Ja. Ich habe unserer Tochter erlaubt, dass sie sich mit einer Person treffen darf. Sie war lange genug mit uns eingesperrt.“
Theo sah von einer zur anderen.
„Okay. Wenn du das so siehst, will ich die psychische Gesundheit unserer Tochter natürlich auch nicht gefährden.“
„Wird schon nichts passieren. Wir können uns auf Silvie verlassen, dass sie sich nur mit einer Person trifft, nicht wahr?“
Silvie nickte.
„Na gut, dann viel Spaß.“ Er sah zu Marta. „Du hältst es noch weiter mit mir aus in der Wohnung?“
Sie hob die Schultern.
„Du arbeitest ja“, sagte sie in so leichtem Ton, dass ihre Tochter lachen musste
„Aha, verstehe“, sagte er. „Ich dachte schon, gerade das nervt dich.“
„Nein“, sagte sie freundlich und stand auf. „Wir bräuchten zwar wirklich ein Zimmer mehr, wenn ich mich auf Arbeit konzentrieren wollte, aber ich finde es interessant. Wenn ich dich mit deinen Mitarbeitern reden höre, denke ich immer wieder „Wow, das ist ja ein Typ. Den kenne ich gar nicht“.“ Sie sah den ungläubigen Ausdruck in seinem Gesicht und ging an ihm vorbei zur Tür. „Ich mach uns die Lasagne von gestern warm und einen Salat dazu. Für uns zwei reicht die noch locker. Silvie, ich möchte wissen, mit wem du dich triffst, bevor du gehst.“
Sie sollte sich ganz dringend mit ihrem Notizblock zusammensetzen, dachte sie auf dem Weg zur Küche. Wenn sie mit ihrem Mann in die Auseinandersetzung ging, dann musste sie wenigstens wissen, was sie wollte. Ansonsten würde sie ihn gar nicht erst erreichen, das wusste sie. Wieder ging ihr Ben durch den Kopf. Sie erinnerte sich so deutlich an ihr letztes Treffen, bevor – ja, bevor was eigentlich? Er sich anders entschieden hatte? Sich in Luft aufgelöst hatte? Sie spürte, wie eine nicht erklärbare Wut in ihr aufstieg. Unkontrolliert. Sie wollte am liebsten einfach aus der Wohnung rennen. Aber wozu? Weder Theo und schon gar nicht Silvie hätten diesen Ausbruch verstanden. Oder gar verdient. Sie war nur so unglaublich wütend, traurig und einsam mit einem Mal….

Die Tore öffnen sich wieder...

Ihr Lieben,

wir hatten gesagt, wir wollen etwas zur Unterhaltung und Ablenkung während des Lockdowns beitragen.
Wir hoffen, dass uns das gelungen ist.
Nun ist der Lockdown zum Glück beendet, und die Beschränkungen weitgehend aufgehoben.
Die Türen und Tore öffnen sich wieder, und wir schließen die Seiten.
Es hat 3/4 des Romans gedauert, bis wir uns wieder in Restaurants und Biergärten treffen durften.

Die letzten 7 Kapitel werde ich jetzt offline schreiben und dann geht das Manuskript ins Lektorat.
Der Erscheinungstermin von „München, I love you!“ wird jetzt an dieser Stelle noch nicht verraten – aber er ist zeitnah!

Es hat viel Spaß gemacht, die 21 Kapitel sofort mit euch zu teilen!

Vielen Dank auch für die vielen Anregungen, die wir erhalten haben, zu Themen, welche euch in dieser Zeit bewegt haben.

Über meinen Newsletter werdet ihr weiter auf dem Laufenden gehalten.
Natürlich informiere ich auch über FB und Instagram, wenn der Roman erscheint.

Wer jedoch Lust hat, sich bei mir im  Newsletter anzumelden, für den haben wir noch 1-2 Überraschungen in petto :-)!

Ihr könnt euch auf meiner Autorenseite in den Newsletter eintragen unter www.jillvanveen.de

Jetzt wünsche ich euch von Herzen:

Bleibt gesund und genießt die Abende draußen!

XX Jill