München, Corona Pandemie und Lebensglück

Kapitel 20: München, I Love You!

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"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 20:

Kati

Am Freitagmorgen hatte Kati nach dem Aufstehen beschlossen, dass sie sich heute belohnen würde. Sie hatte ihre Webseite fertig und nun auch ihre Angebotspakete eingestellt. Außerdem hatte sie den Blog eingerichtet und postete dort seit zwei Wochen alle zwei Tage, um Reichweite aufzubauen. Gestern Abend hatte sie das erste Mal einen deutlichen Anstieg in der Zahl der Aufrufe ihrer Seiten erkennen können. Am liebsten hätte sie ihren Meilenstein mit jemandem gefeiert, aber persönlich und nicht nur telefonisch.
Sie hatte sich an die Kontaktbeschränkungen gehalten, wenn auch teilweise nur deshalb so konsequent, weil ihre Bekannten sich alle streng daran hielten. Sie selbst war dazwischen in Versuchung gewesen, sich einfach mit einer Freundin oder einem Freund auf einen Spaziergang zu treffen. Denn sie musste ehrlich zu-geben, dass ihr die Isolation zu schaffen machte. Na klar, sie hatte genug, womit sie sich beschäftigen konnte, sie telefonierte mit Freunden und hatte ein -bis zweimal pro Woche ein Zoomtreffen mit mehreren gleichzeitig. Aber so dankbar sie auch für diese Alternativen war, es waren Alternativen. Digital war nicht analog. Punkt. Es fehlte ihr, neben ihren Freunden sitzen zu können, während sie sprachen oder gemeinsam zu kochen. Gemeinsam Abendessen bedeutete eben nicht, sich nur die Teller mit den Gerichten gegenseitig vor die Kameras zu halten.
Trotzdem musste sie zugeben, dass sie den Lockdown bisher gut bestand. Sie konnte mit Lulu täglich raus und sah Menschen. Fremde Menschen, aber immer-hin. Besonders dankte sie dem Himmel – im wahrsten Sinne des Wortes – dafür, dass das Wetter so schön war während dieser Zeit.
„Das wird mir am Lockdown immer im Gedächtnis bleiben“, hatte sie zu Tim gesagt, als sie einmal wieder miteinander telefoniert hatten. „Das so wunderschönes Wetter war, dass man wenigstens darüber allein gute Laune haben konnte.“
Nachdem sie allerdings die Ostertage ganz allein gewesen war und nur mit ihren Eltern telefoniert hatte, war sie kurz vor der Rebellion gewesen. Regina hatte ihr angeboten, ihr das Auto auszuleihen.
„Mach dir keine Sorgen“, hatte Regina ihr gesagt, „wenn sie das Auto mit Tomaten bewerfen. Es ist alt genug, da macht das nichts aus.“
Derlei Geschichten hatten sie zumindest aus der Starnberger Gegend und um den Tegernsee herum gehört. Man war erbost über dreiste Münchner, die zum Wandern kamen. Letztlich hatte sie sich jedoch dagegen entschieden und war mit Lulu im Fahrradkorb ewig an der Isar entlang geradelt, bis sie eine Ecke erreicht hatten, die nicht ganz so überlaufen war. Danach hatte sie zwei Tage lang Muskelkater in den Beinen gehabt.
Nach dem Duschen überlegte sie, ob sie zum Coffee Addicts in Neuhausen radeln sollte. Freitags war Lucas dort. Sie hatte ihn nach ihrem Treffen im Park noch einmal kurz in der Wörthstraße gesehen, aber da hatten sie nur ein paar Worte wechseln können. Die Fotos hatte sie bereits alle im Shop eingestellt und die Texte dazu geschrieben. Ihr fiel ein, dass sie ihm noch erklären musste, warum es für sie ungünstig war, jetzt eine Rechnung zu stellen. Andererseits konnte sie das am Telefon erledigen. Kein Grund, extra in die Schlörstraße zu fahren.
Deshalb fuhr sie mit Lulu in die Filiale in der Wörthstraße. Auf jeden Fall in ein Coffee Addicts. Wenn es um Kaffee ging, war sie nun loyal.
Es gab eine Schlange von sieben Leuten, die um die Straßenecke herum anstanden, denn jeder musste den Abstand zum Vordermann einhalten. Kati stellte sich hinten an und lauschte der Unterhaltung der zwei Frauen vor ihr. Lauschen war das falsche Wort, es war unmöglich, nicht zuzuhören. Die beiden waren Freundinnen, aber aufgrund des Kontaktverbots durften sie nicht zusammen anstehen. Offenbar hatten sie beschlossen, sich „zufällig“ zu treffen, wie es auch oft schon Katis Idee gewesen war.
„Mir kann heute nichts den Tag verderben“, sagte die eine gerade. Ihre langen, rostroten Haare leuchteten in der Morgensonne. „Ich habe meinen Schatz endlich wiedergesehen.“
„Haben die sehr streng kontrolliert an der Grenze?“, fragte die andere.
„Nein, zumindest nicht bei mir“, sagte die Rothaarige. „Angesichts der Aufregung, die ich vorher geschoben habe, lächerlich. Aber ich hatte mir wirklich Sorgen gemacht, dass ich aus irgendeinem blöden Grund nicht nach Österreich reinkomme und den Korbi wieder eine Woche nicht sehe. Dann hätte ich wahrscheinlich einen gepflegten Heulkrampf bekommen.“
„Aber das mit den achtundvierzig Stunden habe ich nicht verstanden“, sagte ihre Freundin, während sie zwei Plätze aufrückten. „Warum dürfen sich die Paare achtundvierzig Stunden sehen? Schläft das Corona-Virus so lange oder merkt nicht, dass da jemand Neues zum Infizieren ist?“
Kati musste lachen. Die beiden Frauen drehten sich um.
„Keine Ahnung“, sagte die Rothaarige und zuckte ebenfalls lachend die Schultern. „Darum habe ich mich gar nicht gekümmert. Ich habe mit der Bundespolizei telefoniert, mit dem Gesundheitsamt und mit der österreichischen Polizei. Alle haben mir vage Auskünfte zur Grenzkontrolle und zum Quarantänerisiko gegeben und auf den jeweils anderen verwiesen. Da habe ich solche Dinge gar nicht mehr hinterfragt. Aber“, jetzt stellte sie sich so hin, dass sie sowohl zu Kati als auch zu ihrer Freundin sprach, „ich bin unter die Schmuggler gegangen.“
„Ach was“, meinte die andere mit zweifelndem Blick.
„Ich habe Bügelwäsche geschmuggelt“, meinte die Rothaarige und lachte schallend. „Mein Mann wohnt nicht weit von der Grenze entfernt“, erklärte sie Kati. „Seine Nachbarin ist Haushälterin bei zwei Familien hinter der deutschen Grenze. Nun hatte sie immer noch einen Berg Oberhemden und Bettwäsche, die sie offenbar zum Bügeln und Mangeln mit nach Hause nimmt. Die hat sie dann aber nicht mehr übergeben können nach der Grenzschließung. Zumindest hat sie es sich nicht getraut. Am Abend vor meiner Abreise hat sie angerufen, ob ich die Wäsche mit über die Grenze nehmen könnte.“
„Und sie hat sie dann bei Nacht und Nebel vor eure Tür gestellt?“, vermutete ihre Freundin.
„So ungefähr. Ich hab das ganze dann im Auto mitgenommen. Hinter der Grenze habe ich auf einem Parkplatz den Familienvater und Eigentümer der Oberhemden getroffen. Ich fahre also auf den Parkplatz – sein Auto hatte sie mir vorher beschrieben – nicke dem Typ zu wie ein Geheimagent, nehme den Wäschekorb aus dem Auto und stelle ihn auf den Boden. Er hebt dankend die Hand. Ich wieder ins Auto und ab die Post. Mission erledigt.“
Über diese Geschichten waren die drei Frauen bis zum Eingang vorgedrungen, und die erste von ihnen war an der Reihe.
„Ach Sandra, wir sind ja auch dämlich, du kannst mir doch einen Kaffee mitbringen. Das kann nicht verboten sein“, sagte die Rothaarige und reichte Sandra Geld. „Ich warte hier draußen.“
Damit trat sie zur Seite aus der Schlange. In dem Moment entdeckte Kati Lucas hinter dem Tresen, der sie bereits gesehen hatte, denn er winkte ihr. Erfreut winkte sie zurück.
„Guck mal Lulu, er ist da“, sagte sie überflüssigerweise zu Lulu, die ihn sicher schon längst erspäht hatte.
„Hallo“, grüßte sie strahlend, als sie dran war. „Was machst du denn heute hier?“
„Ich musste Personalangelegenheiten klären. Schön, dein fröhliches Gesicht zu sehen“, sagte er. Hinter seiner Maske sah sie nur die Augen, aber es sah aus, als ob er lächelte. Ab Montag würde sie auch eine Maske tragen müssen, wenn sie hierher kam.
„Was möchtest du?“
„Ich nehme heute einen Flat White und zur Feier des Tages auf jeden Fall eine Zimtschnecke.“
„Kommt. Was gibt’s zu feiern?“
Sie erzählte es ihm.
„Glückwunsch. Ich werde mir die Seite anschauen.“ Er reichte ihr die Zimtschnecke. „Du hast uns übrigens noch nicht deine Rechnung gestellt, fällt mir dabei ein.“
„Mhm“, machte sie vage. „Das wird noch etwas dauern, ich erkläre dir das mal, wenn du Zeit hast.“
„Kannst du auch jetzt“, meinte er über die Schulter, während er den Flat White fertigmachte. „Ich komme eben mit raus, wenn du willst.“
Das wollte sie sehr gerne. Endlich einer, der sie nicht mied.
Gleich darauf stellten sie sich draußen im vorgeschriebenen Abstand in die Sonne. Lulu war am Boden zerstört, dass Kati ihr nicht erlaubte, an Lucas hochzuspringen.
„Ich weiß nicht wie deine Kunden finden, wenn eine Corona-Schleuder mit dir knuddelt“, meinte sie und hielt die Leine kurz. Er hatte die Bänder seiner Maske gelockert und ließ sie um den Nacken baumeln.
„Ich werde sowieso gleich wieder Händewaschen, desinfizieren und neue Handschuhe anziehen“, beruhigte er sie.
„Was hattest du denn für Personalmaßnahmen?“, fragte sie. „Ich war schon ein bisschen traurig, dass ich dich heute nicht hier treffen würde, und nun bist du doch da.“
„Ja, da ist jetzt wenigstens etwas Gutes daran.“ Er lehnte sich gegen die Hausmauer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich musste eine Mitarbeiterin abmahnen. Sie weigerte sich die Maske zu tragen. Mein anderer Mitarbeiter Martin rief mich verzweifelt an.“
„Ach du Schande. Und jetzt?“
„Sie ist nach Hause gegangen nach der Abmahnung. Mal sehen, ob sie sich bis morgen beruhigt hat, oder sich krank meldet. Ich hatte schon früher mit einer Krankmeldung von ihr gerechnet, weil ihr immer was nicht passt, aber bisher ist sie doch dabei geblieben.“
„Kann man nicht mit ihr reden?“
Er senkte das Kinn und warf ihr einen Blick zu.
„Ich habe mir eine halbe Stunde Zeit genommen. Ich habe ihr erklärt, dass mir seit heute ein Bußgeld von bis zu fünftausend Euro droht, wenn ich meine Mitarbeiter nicht zum Maskentragen anhalte. Stieß alles auf taube Ohren. Mehr Zeit kann ich dafür nicht erübrigen. Ich finde diese Masken auch grässlich, ich habe keine Ahnung, ob oder wieviel sie helfen, aber ich lasse mir sicher nicht mein Geschäft kaputtmachen, weil ein Stück Stoff vor Mund und Nase nervt. Ich verlange schließlich nicht, dass sie sich Desinfektionsmittel spritzt, um arbeiten zu dürfen.“
Kati schmunzelte, diese Empfehlung von Trump hatte sie auch im Internet gelesen.
„Vielleicht überlegt sie es sich nochmal anders.“
„Mal sehen. Sie ist sowieso noch in der Probezeit. Es wäre schön, wenn sie sich wieder einkriegt, denn ich habe einen echten Krankheitsausfall und wir sind daher knapp dran mit unseren Auslieferungen.“ Lucas schloss die Augen und genoss das Sonnenlicht. Offenbar verbrachte er seine freie Zeit gern draußen, denn auch die Arme unter dem kurzärmeligen T-Shirt waren bereits gebräunt, dachte Kati. Er hatte die Augen zu, da konnte sie ihn ungeniert betrachten. Plötzlich öffnete er sie wieder und sah zu ihr.
„Was denn?“, fragte er, als er sie erwischte, wie sie lächelte.
„Mit dieser Maske unterm Kinn siehst du aus wie einer von Grey’s Anatomy.“ Und sogar mehr ihr Typ als Patrick Dempsey, fügte sie still hinzu. Er lachte.
„Habe ich nie gesehen, aber davon gehört. Du siehst übrigens schon richtig schön nach Sommer aus“, fügte er hinzu. Tatsächlich war ihr heute morgen auch nach Sommer gewesen und sie hatte ein kurzes Kleid aus dem Schrank geholt, das eigentlich noch etwas zu kühl für das Wetter war. Deshalb hatte sie einen großen Sommerschal um die Schultern geschlungen. Plötzlich hob Lucas die Hand, als wollte er sie zu ihr ausstrecken, ließ sie aber wieder sinken und schüttelte den Kopf.
„Und du hast einen Zuckerzimtkrümel auf der Wange“, sagte er stattdessen.
„Ups.“ Sie wischte sich selbst über die Wange. Trotzdem, hier lag doch ein klein wenig Flirten in der Luft, so kam es ihr vor. „Wenn ihr Auslieferungen auch mit dem Fahrrad gebrauchen könnt, dann würde ich mich freiwillig melden“, sagte sie spontan. „Mir fällt ehrlich gestanden die Decke auf den Kopf.“
Er drehte sich, so dass er nur noch mit einer Schulter an der Wand lehnte.
„Eine andere fährt auch mit dem Fahrrad aus. Meinst du das ernst? Wir können dich auf Minijob-Basis anstellen.“
„Das geht leider nicht“, sagte sie mit einem Seufzen. „Ich bin auf Kurzarbeit gesetzt worden und zwar auf Null nach meinem Urlaub. Wenn ich jetzt einen Minijob annehme, wird mir das abgezogen, das würde sich also gar nicht rechnen. Deswegen würde ich auch ungern jetzt eine Rechnung stellen, ehrlich gesagt.“
„So ein Mist“, sagte er. „Dachtest du nicht, er würde dir kündigen?“
„Dachte ich. Aber offenbar will er, dass ich kündige. Ich habe ihn um einen Termin gebeten, um mit ihm zu sprechen. Vielleicht kündigt er mich, wenn er weiß, dass ich damit einverstanden bin. Drei Monate Sperrzeit kann ich mir nicht finanzieren, wenn ich selbst kündige. Den Gründungszuschuss bekäme ich erst danach.“
„Das schaffst du schon, ihn zu überzeugen. Du hast alles für den Start vorbereitet, das muss jetzt klappen. Ich habe dich übrigens schon weiter empfohlen.“
„Ehrlich?“, rief sie.
„Jetzt kann ich denen auch deine Webseite empfehlen. Die suchen dringend jemanden für ihren Internetauftritt.“
Enttäuschenderweise war sie mit ihrem Kaffee schon fertig. Aber Lucas machte keine Anstalten wieder ins Café zu gehen.
„Bei uns hat sich übrigens auch etwas Neues ergeben“, sagte er.
„Wir haben doch die Rösterei im Werksviertel. Da ist direkt dabei eine Gewerbefläche, wo bisher eine Saftbar drin war. Die gehen aber raus. Man hat uns angeboten, dass wir übernehmen können.“
„Das wäre doch ideal, oder?“ Großzügig überließ sie das letzte Stück Zimtschnecke Lulu, die so brav neben ihren Füßen in der Sonne lag.
„Das wäre es. Wir hatten früher schon gedacht, wie gut es wäre, wenn wir gleich dort einen Coffeeshop hätten. Wir müssten allerdings schon ab September dort rein und überlegen, wie wir es finanzieren. Ein wenig umbauen müssten wir auch.“
Kati war Feuer und Flamme von der Idee.
„Das müsste sich aber doch rentieren. Im Werksviertel kommen die ganzen neuen Büros und Wohnungen. Da läuft das bestimmt gut. Das kommt alles zum richtigen Zeitpunkt.“ Sie korrigierte ihren Enthusiasmus. „Naja, fast richtiger Zeitpunkt, um einen Monat vertan. Die Kündigung der Pacht ist bestimmt ein Glücks-Ärger gewesen.“
„Du bist wie meine Schwester“, sagte er schmunzelnd. „Die hat das gleich auf ihr Dankbarkeitstagebuch geschoben.“
„Schreibt sie das?“, fragte sie neugierig.
„Offenbar. Sie behauptet, dass sie seit einer Woche täglich in ihrer Liste dafür dankt, dass mein Unternehmen so gut läuft.“ Er sah sie bedeutsam an. „Du siehst also, es ist in Wahrheit gar nicht mein Verdienst, sondern der meiner Schwester, dass wir erfolgreich sind.“
„Na, so meint sie das sicher nicht“, widersprach sie. „Aber ein geschwisterlicher Erfolgs-Booster schadet nicht.“
„Keineswegs. Hast du Geschwister?“
„Leider nicht.“
Sie zuckte zusammen, als plötzlich eine Frau bei ihnen auftauchte. Es war die Dunkelhaarige, die, mit der sich Lucas traf.
Oh, oh, dachte Kati. Ihrem eisigen Blick nach zu urteilen, war die nicht gut gelaunt.

Kaffeehaus von LoveItAll

Lucas

„Oh, hier sehe ich aber ein Bußgeld.“
Überrascht sah Lucas über die Schulter und entdeckte Isabelle.
„Hei“, begrüßte er sie und stieß sich von der Wand ab.
„Weder der vorgeschriebenen Abstand noch Familie, würde ich sagen“, sagte sie spitz.
Hallo, na das war eine Begrüßung, wie man sie sich wünschte, wenn man noch ganz am Anfang mit einer Frau stand.
„Ich bin da entspannter als du, wie du weißt“, meinte er ruhig.
Bevor sie antworten konnte, deute er zwischen den beiden Frauen hin und her.
„Kati, Isabelle.“
Isabelle erwiderte Katis Gruß knapp, bevor sie sich ihm zuwandte. Da sie in der Öffentlichkeit sehr auf den Abstand wert legte, überraschte es ihn, als sie dicht an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte.
„Vielleicht begrüßt du mich erstmal.“
Er erwiderte fragend ihren herausfordernden Blick. Guck an, sonst erzählte sie ihm was von „keine Lebensgemeinschaft“ und so weiter und heute? Den Kuss musste sie sich schon selbst holen. Sie überraschte ihn erneut, als sie sich vorbeugte und sehr nachdrücklich auf den Mund küsste. Er legte den Arm um ihre Taille.
„Hallo Isabelle“, sagte er dann. Sie schien einigermaßen zufrieden und wandte sich wieder Kati zu. „Wir haben uns doch schon mal gesehen“, stellte sie fest.
„Ja, im Englischen Garten“, bestätigte diese freundlich und nickte zu ihrem Dackel hinunter. „Mit Lulu.“
„Ich hab damals gar nicht mitbekommen, dass ihr euch kennt“, sagte Isabelle.
Vor wenigen Minuten war es noch so entspannt gewesen, dachte Lucas.
„War auch nicht so“, sagte er. Da er sowieso nur das Falsche sagen konnte, wäre es das Beste, nichts weiter dazu zu äußern.
„Besuchst du mich auf einen Kaffee?“
Sie legte den Kopf leicht schief.
„Ja, ich dachte, ich mache dir eine Freude, nachdem du mir geschrieben hattest, der Tag beginne mit Ärger. Aber das scheint nur halb so schlimm zu sein.“
Okaaaay. Am besten ignorieren, entschied er.
„Eine sehr gute Idee von dir“, sagte er und zog sie etwas näher zu sich. „Freut mich.“
„Ich mache mich wieder auf den Weg“, sagte Kati. „Lulu muss sich die Zimtschnecke ablaufen.“ Sie lächelte die beiden an, aber Lucas meinte für einen Moment einen traurigen Ausdruck in ihren Augen zu entdecken. Zu seiner Überraschung war er plötzlich ärgerlich über die Situation.
„Lass uns wegen der Auslieferungen nochmal telefonieren“, sagte er nachdrücklich. „Uns wäre wirklich geholfen, und wir finden sicher einen Weg, das zu deichseln. Das kriegen wir hin.“
„Ja, vielleicht.“ Ihre Grübchen erschienen, und ihre lebhaften blauen Augen wirkten genauso fröhlich wie vorhin. Wahrscheinlich hatte er sich das eben eingebildet. „Ich könnte es auf jeden Fall einrichten. Habt noch einen schönen Tag.“ Sie verschwand um die Ecke, wo ihr Fahrrad stand.
Isabelle wandte sich ihm vollends zu und hob eine schmale Augenbraue.
„So, und woher kennt ihr euch jetzt, wenn ihr euch vor ein paar Wochen noch nicht kanntet?“
„Sie ist Kundin und obendrein Programmiererin. Als unser Online-Shop gehakt hat, hat sie uns aus der Patsche geholfen.“
„Wie nett.“ Sie strich mit den Händen über seine Oberarme.
„Und um Corona scheint sie sich keine Sorgen zu machen.“
„Du heute überraschenderweise auch nicht.“ Er strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Doch, schon“, sagte sie mit leichtem Vorwurf, „aber mir kam es vor, dass du mich sonst offenbar nicht wahrnimmst.“
Lucas holte tief Luft.
„Ich glaube, ich nehme dich sehr offensichtlich wahr. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz klar darüber, was du erwartest.“
„Was ich erwarte?“ Sie verzog gekränkt den Mund. „Naja, vielleicht erwarte ich, dass du nicht mit anderen Frauen parallel flirtest, während wir uns gerade kennenlernen.“
„Na, dann solltest du mir vielleicht die Gelegenheit geben, mit dir zu flirten und dich besser kennenzulernen. Die hatten wir in letzter Zeit nämlich sehr selten.“
„Das ist in dieser Zeit auch nicht einfach.“
Er zuckte mit einer Schulter.
„Wir können kilometerweit spazieren gehen, wenn du dich damit sicher fühlst.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dazu habe ich keine Lust. Du kannst heute Abend zu mir kommen und endlich den Balkon kennenlernen.“
„Okay“, grinste er. „Fangen wir mit dem Balkon an.“
„Haha“, machte sie. Dann schaute sie ihn so enttäuscht an, bis er sie küsste. Sie war wunderhübsch, fand er, und wenn sie ihre Attitüde beiseite ließ, war sie eine coole Frau.
„Dann sehen wir uns heute um acht“, sagte sie zufrieden.
„Schön“, stimmte er zu.
„Was meintest du vorhin damit, dass ihr was deichseln werdet?“, fragte sie unerwartet.
Er merkte, wie er zögerte.
„Sie kann uns vielleicht bei den Auslieferungen unterstützen. Ich muss sehen, wie ich die Gebiete am besten verteile.“
Anziehung bewirkte nicht gleichzeitig auch Vertrauen, merkte er.
Er ließ sie los.
„Dr. Schwarz wird jetzt wieder im OP gebraucht.“
„Was?“, fragte sie verständnislos.
Er tippte an seine Maske.
„Sag nicht, du hast nicht sofort an Grey’s Anatomy gedacht, als du mich gesehen hast.“
„Du hast Grey’s Anatomy gesehen?“, fragte sie überrascht.
Grinsend gab er ihr einen Kuss und ging zurück ins Café.

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Kapitel 21 coming soon: 25.05.2029