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Kapitel 19: München, I Love You!

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"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 19:

Lea

„Die Zeit vergeht so schnell, ich habe das Gefühl, ich stehe morgens auf und gehe gleich wieder ins Bett“, sagte Lea, während sie auf ihrer Kamera den besten Bildausschnitt wählte. Es war halb acht am Abend, und sie telefonierte nebenbei mit ihrer Freundin Kathrin über Kopfhörer. „Immer derselbe Ablauf, jeden Tag. Ostern ist fast eine Woche her, und ich hätte mein Lieblingsfest beinahe vergessen. Irgendwie war es einfach nur ein Wochenende.“
„Aber heute bist du unterwegs.“
„Ja, Markus macht mit den Jungs einen Serienabend. Sie waren ein bisschen enttäuscht, dass ich nicht mit gucke sondern auf Foto-Tour gehe, aber so können sie eine Serie schauen, die mir sicher nicht gefällt.“
„Wie geht’s denn Markus?“
„Geht so.“ Flo war tatsächlich zwei Tage nach Susannes Anruf gestorben. „Die ersten Tage ging es ihm richtig schlecht. Niemand durfte zu Flo’s Beerdigung außer der engsten Familie. Markus und seine Freunde haben abwechselnd bei Susanne angerufen und gefragt, ob sie Hilfe und Unterstützung braucht. Ich habe auch mit ihr telefoniert. Eigentlich möchte sie nur ihre Ruhe haben, und gleichzeitig bräuchte sie jede Hilfe mit den zwei kleinen Kindern. Ihre Eltern gehören zur Risikogruppe, und sie will sie nicht gefährden. Ihre Geschwister dürfen die Kinder nicht zu sich nehmen oder sie besuchen. Sie muss aber im Home Office arbeiten.“
„Das tut mir so leid“, sagte Kathrin.
„Mir auch. Ich werde sie morgen wieder anrufen.“ Lea richtete sich auf und band sich den Pferdeschwanz neu. „Wahnsinn, wenn du das hier sehen könntest. Ich fotografiere den Marienplatz an einem Donnerstagabend, und es sind sage und schreibe vier andere Menschen unterwegs, die mir auf das Bild kommen. Es wäre fantastisch, wenn es nicht so gespenstisch wäre.“
„Wo ich die Innenstadt ansonsten immer meide, wäre es derzeit sicher ein Traum für mich.“
Lea schüttelte den Kopf.
„Ganz ehrlich, wenn ich höre, dass der Lockdown jetzt noch über diesen Sonntag hinaus andauern soll, dann wird mir ganz anders.“ Sie packte Kamera und Stativ zusammen, um weiterzugehen auf ihrer Tour. „Wie läuft’s denn bei euch?“ Weil es still blieb, dachte sie, die Verbindung wäre unterbrochen. „Hallo?“
„Wir räumen gerade den Preis für die schlechtesten Eltern ab, aber wir können nichts dagegen tun“, sagte Kathrin leise. „Du kannst mir glauben, als ich hörte, dass die Schulen weiter geschlossen bleiben, bin ich in Tränen ausgebrochen.“
Kathrin und ihr Mann hatten gemeinsam eine Praxis, er war Chiropraktiker und sie Osteopathin.
„Mensch, richtig“, sagte Lea zerknirscht, dass sie nicht mitgedacht hatte. „Eure Praxis ist weiter geöffnet.“
„Einerseits ein Glück, sonst wären wir finanziell am Ende. Das Schlimme ist, dass uns natürlich Patienten abgesagt haben, also ist jeder Termin wichtig. Wir können einander aber nicht vertreten, so dass einer zu Hause bleiben könnte. Also sind wir jeden Tag beide in der Praxis. Anja ist fast jeden Tag unter der Woche von morgens bis achtzehn Uhr dreißig allein zu Hause. Mit elf Jahren viel zu klein dafür.“
„Mensch, Kathrin, ich würde dir sofort anbieten, Anja zu uns zu bringen, aber ich weiß nicht, ob wir das riskieren wollen.“
„Nein, das können wir nicht verantworten, dass ihr ein Bußgeld bekommt. Wir wollen das für uns auch nicht. Manchmal nehme ich sie mit, aber wir haben nur unsere zwei Behandlungsräume und einen kleinen Wartebereich. Da dreht sie uns durch und das zu Recht. Ich habe mich noch nie so unzulänglich gefühlt wie derzeit.“
„Habt ihr Soforthilfe beantragt?“, fragte Lea.
„Haben wir. Bis heute keine Reaktion, nicht mal eine Eingangsbestätigung, die doch angeblich sofort kommen sollte.“
„Gibt’s doch nicht.“
„Wir stellen den Antrag noch einmal. Aber das ist ja nicht dafür gedacht, dass einer zu Hause bleiben kann für Kinderbetreuung. Wir telefonieren mittags per FaceTime mit unserer Tochter“, fuhr Kathrin fort. „Gestern Abend hat sie mir gestanden, dass sie heimlich bei unserer Nachbarin war, die zwei Stockwerke tiefer wohnt. Anja darf nur auf den Balkon raus, wenn sie allein ist, aber sie hat den Müll in den Hof runtergebracht. Die Nachbarin hat sie im Treppenhaus angesprochen und zu sich zum Mittagessen eingeladen. Sie ist erst um fünf Uhr nachmittags wieder hoch in die Wohnung geschlichen.“
„Richtig so“, sagte Lea impulsiv.
„Rate mal, wie alt die Nachbarin ist“, meinte Kathrin mit freudlosem Lachen. „Ende sechzig. Ich werde mich bei ihr einerseits bedanken, weil ich weiß, dass sie es gut gemeint hat. Andererseits kann sie nicht einfach, ohne uns zu fragen, Anja bei sich haben. Wir können nicht auch noch tausend Euro Bußgeld zahlen. Es ist echt verrückt.“
Lea war am Opernplatz angekommen und baute ihr Stativ auf.
„Was ist im Moment nicht verrückt“, sagte sie. „Markus Freund stirbt an Corona und zwei Tage später erzählt uns eine Bekannte von ihrer Freundin, die schon länger an einem Tumor leidet. Chemotherapie, das ganze Theater und es geht ihr entsprechend schlecht. Die Ärzte geben ihr zu verstehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Dann hat sie obendrein Corona bekommen und alle dachten, jetzt ist es vorbei bei der Vorbelastung. Aber nein, sie ist wieder vom Corona geheilt. Nur um sich weiter durch die Chemo zu kämpfen und höchstwahrscheinlich nicht zu gewinnen.“
„Okay“, sagte Kathrin entschlossen, „ich höre jetzt sofort auf, zu jammern.“
„Darfst du ruhig mal“, tröstete Lea sie. „Aber nun erzähle ich dir, was ich hier Schönes sehe. Es ist schon sehr dämmrig, und der Opernplatz liegt still vor mir. Auf den Treppen zum Opernhaus sitzen ein Paar und weit davon entfernt noch eins und am anderen Ende zwei junge Frauen, und sie trinken dort alle einen Aperitif ToGo. Die haben sich einen schönen Platz gesucht. Blick auf die Residenz und das Palais an der Oper, und die alten Häuser rundum sind alle angeleuchtet. Wenn man den Grund einfach beiseite lässt, dann ist das hier eine ganz tolle Atmosphäre.“
„Oh ja. Schieß‘ ein paar schöne Fotos, das kann ich gebrauchen.“
„Ein paar sind, glaube ich, richtig gut geworden. Jetzt packe ich zusammen und fahre nach Hause. Ich drück dich, Kathrin.“
Sie fuhr mit der menschenleeren Tram 21 bis zum Orleansplatz. Sie hätte nicht einmal ihr Ticket kaufen müssen, denn zur Zeit kontrollierte wegen der Ansteckungsgefahr keiner.
Zu Hause saß ihre Familie noch immer vorm Fernseher, das Popcorn war bereits aufgegessen.
Statt sich zu ihnen zu setzen, holte Lea ein paar Blatt Papier aus dem Drucker und ging in die Küche. Dort schrieb sie auf ein Blatt als Überschrift: Danke!
Darunter schrieb sie, ohne lange zu überlegen, eine Liste:
dafür, dass wir gesund sind,
für Sven und Philip,
dafür, dass Sven und Philip schon Teenager sind und derzeit so pflegeleicht,
dafür, dass sie beim Putzen mithelfen – versuchen –
dafür, dass wir eine gute Kaffeemaschine haben,
dafür, dass wir einen Drucker haben….
So ging es weiter, Punkt für Punkt. Ihr fielen essentiellen Dinge ein, für die sie dankbar sein konnte, und es fielen ihr Kleinigkeiten ein, bei denen sie schmunzelte, als sie sie aufschrieb. Schließlich war das Blatt voll. Sie befestigte es mit Tesafilm an der Küchentür. Daneben hängte sie ein leeres Blatt, auf dem nur oben Danke! stand. Sie band eine Schnur an einen Kugelschreiber und klebte das andere Ende mit Tesafilm über dem leeren Blatt an die Tür.
Selbsterklärend, sogar für ihre drei Männer, die gern über ihre spirituelle Ader witzelten.
Gerade als sie fertig war, ging die Küchentür auf und Philip kam herein.
„Willst du mitschauen? Du darfst aussuchen was, wenn du willst.“
„Ich will Suits gucken“, sagte Lea sofort. „Oder Downton Abbey.“
„Okay“, sagte er und holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. „Ich wär’ für Suits.“
Da bemerkte er die neue Türdekoration.
„Was ist das denn?“
„Ich wollte mich einfach mal daran erinnern, für was ich alles dankbar bin. Vielleicht fällt euch auch was ein.“
„Aha“, meinte er und kratzte sich am Kopf. „Du meinst, weil gerade schlechte Zeiten sind und alle so depressed.“
„Weil man in schwierigen Phasen schnell auf das Negative fokussiert ist und meint, das sei alles, woran man denken soll. Es ist leicht, dankbar zu sein, wenn alles glatt läuft. Ja, ich glaube, jetzt ist die Zeit für’s echte Training.“
„Mh“, machte Philip. Dann nahm er den Stift und schrieb auf das Blatt: dafür, dass Sven immer noch nicht weiß, wo ich die Gummibärchen versteckt habe
„Hehe, das wird lustig.“
„Hätte ich mir denken können“, sagte Lea. Er drehte sich um und nahm seine Mutter in den Arm. Einen halben Kopf war er schon größer als sie, stellte sie fest.
„Für dich bin ich natürlich dankbar, Mama, aber das muss ich ja nicht da hinschreiben. Das weißt du doch.“
„Dankeschön, mein Schatz.“
Er ließ sie los.
„Dann können wir jetzt Suits gucken.“ Er öffnete die Tür und brüllte im Rausgehen: „Sven! Such mal die letzte Staffel von Suits, will Mama gucken.“

Marta

Am Sonntag machte sich Marta gerade einen Kaffee in der Küche, als Silvie aus dem Flur rief.
„Ich mach‘ mal einen Spaziergang!“
Marta ging in den Flur.
„Wo willst du denn hin?“
Silvie war nie eine große Spaziergängerin gewesen. Letzten Samstag hatte sie bereits diesen Bewegungsdrang gehabt, und auch da hatte sie ihren Spaziergang so kurzfristig angekündigt, dass sie schon zur Wohnungstür raus war, bevor sie oder Theo noch viel fragen konnten.
„Nur bisschen durch die Straßen laufen“, meinte Silvie, während sie in ihre Sneakers schlüpfte.
Theo erschien in der Wohnzimmertür.
„Prima Idee, wir kommen mit.“
„Warum denn das?“, fragte Silvie entsetzt.
Ihr Vater zuckte die Schultern.
„Bisschen Sonne und frische Luft tut uns allen gut. Außerdem kontrollieren sie immer noch, gerade am Wochenende.“
Silvie verdrehte die Augen.
„Man darf sogar wieder auf der Parkbank ein Buch lesen, Papa.“ Demonstrativ hielt sie eins hoch.
„Sehr gut“, lobte ihr Vater. „Ich komme trotzdem mit. Du auch?“, fragte er und sah Marta an.
„Naja, sie kann doch ruhig eine Runde allein gehen“, meinte sie. Sie konnte sich schon vorstellen, warum Silvie allein gehen wollte. Letzten Samstag war sie in bester Laune zurück gekehrt von ihrem einsamen Spaziergang.
„Also, ich gehe mit“, verkündete Theo unerbittlich und zog sich die Schuhe an.
Bevor sich Vater und Tochter den ganzen Weg über stritten, sollte sie besser mitgehen, dachte Marta.
„Ich bin auch dabei.“
Gleich darauf waren sie auf der Straße im Kielwasser ihrer Tochter, über deren Kopf deutlich sichtbar eine Gewitterwolke schwebte.
„Ich glaube, sie wollte Vincent treffen“, raunte Marta ihrem Mann zu.
„Ich weiß“, meinte er. „Kann sie meinetwegen, aber ich will nicht, dass sie ein Bußgeld einsammeln. Wenn wir dabei sind, können wir das vielleicht besser darstellen, dass sie nur zufällig aufeinander getroffen sind.“
„Mh, da hast du recht.“ Zwei Jugendliche allein sah sie tatsächlich selten auf den Straßen, zumindest in der Stadt.
„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte Theo seine Tochter. Sie zuckte die Schultern.
„Komm‘ schon“, sagte er. „Wir vermasseln dir schon nicht dein Date. Wir machen einen Familienspaziergang, und wenn du Vincent zufällig begegnest, kann niemand was sagen.“
„Toll, und ihr steht dann die ganze Zeit dabei“, schmollte sie.
„In der Nähe“, bot Marta an. „Aber ich gebe deinem Vater recht, mir ist auch nicht so wohl, wenn du dich ganz allein mit ihm triffst. Es fahren am Wochenende zu oft die Polizeistreifen durch die Parks. Letztes Mal habt ihr Glück gehabt.“
„Wir waren gar nicht allein, sein Vater ist auch dabei.“
„Ach so?“
„Wie, und der ist cool genug, aber wir nicht?“, fragte Theo.
„Och Papa! Der macht Fotos für zwei Auftragsgemälde und Vincent hilft ihm. Da konnten wir uns dazwischen unterhalten. Wenn ihr jetzt auch noch dabei seid, ist das doch völlig übertrieben.“
„Wir sind ihr peinlich“, informierte Marta Theo.
„Ich habe auch diesen Verdacht“, stimmte Theo zu. „Wir kommen mit. Wir können uns mit Vincents Vater unterhalten, und ihr habt da eure Ruhe. Viel besserer Plan. Also, wo gehen wir hin?“
Mit einem Seufzen gab Silvie auf.
„Im Luitpoldpark sind sie heute.“
„Wie schön, da war ich lange nicht mehr“, sagte Marta fröhlich. „Da nehmen wir eine U-Bahnstation, dann sind wir schneller da.“
Im Luitpoldpark war es ziemlich voll. Auf der Wiese um den Obelisk herum lagen die Leute auf Decken, einigermaßen bemüht, Abstand zu halten. Ein paar spielten Badminton. Gerade als Marta mit ihrer Familie ankam, patrouillierte eine Polizeistreife über die Anlage. Sie blieben bei einer Gruppe von drei Leuten stehen und forderten sie auf, den Platz zu wechseln, weil die Nachbarn bereits zu dicht aneinander lagerten. Die Badmintonspieler beobachteten die Beamten argwöhnisch, doch eine Beamtin winkte nur ab.
„Gott, ich hoffe, diese Zeit ist bald wieder vorbei“, sagte Marta.
Silvie war mit dem Handy beschäftigt und schrieb offensichtlich Vincent.
„Sie sind auf dem Luitpoldhügel“, brummte sie und ging voran.
„Ich komme mir ein bisschen vor wie in einem viktorianischen Film. Die zwei Anstandswauwaus überwachen das Date der jungen Leute“, sagte Marta zu Theo. Er grinste und nickte. Sie hatten den Fuß des Hügels erreicht. Ihr Blick streifte einen Mann, der auf einer Bank saß und sie anschaute. Sie wusste nicht, ob ihr Herz einen Schlag aussetzte, oder ob es so hart schlug, dass sie nicht Atem holen konnte. Im nächsten Moment waren sie schon an ihm vorbeigegangen. Nur eine Ähnlichkeit sagte sie sich. Sie war nicht in der Lage, sich umzudrehen. Den Blick starr geradeaus gerichtet, ein Rauschen in den Ohren, ging sie neben Theo den geschwungenen Weg den Hügel hinauf. Nur eine Ähnlichkeit. Verrückt, dass es sie so erschütterte.
„Da sind sie“, sagte Theo in dem Augenblick. Dankbar konzentrierte sich Marta auf die zwei Personen, zehn Meter entfernt. Vincents Vater hatte eine Kamera in der Hand. Zwei Mountainbikes standen nicht weit entfernt von ihnen. Vincent hob gerade den Kopf und sah, wen Silvie im Schlepptau hatte. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, hätte man sagen können.
Er sagte etwas zu seinem Vater, der sich umdrehte. Er war die ältere Version seines Sohnes mit leicht angegrautem Bart. Ein unbekümmertes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Oh, hallo“, grüßte er, als sie heran kamen. „Wieder mal spazieren?“
„Mh. Hallo“, sagte Silvie. „Ich bin mit meinen Eltern unterwegs.“ Sie deutete auf die zwei Quälgeister in ihrem Rücken.
Theo hob die Hand.
„Servus.“
„Freut mich. Ich bin Vincents Vater, Justus.“
Sie stellten sich vor. Justus reichte Vincent seine Kamera.
„Pack die mal ein, bitte.“ Dann kam er zu Marta und Theo hinüber und ließ die beiden Teenager für sich. Die Erwachsenen wahrten brav den vorgeschriebenen Abstand zueinander.
„Tja, wir haben das Spazierengehen für uns entdeckt“, meinte Theo. Justus nickte und kratzte sich am Kinn.
„Also, ich hatte letzte Woche nichts damit zu tun. Das haben die beiden ausgeheckt. Hat Vincent mir später gestanden. Aber ich dachte mir, ich sehe rechtzeitig, wenn die Polizei vorbeikommt. Wem schadet das schon.“
„Kein Problem. Wir fanden es unverfänglicher, wenn wir auch dabei sind.“ Theo deutete mit dem Kinn in Richtung Silvie. „Sie hasst uns jetzt.“
Justus lachte. Martha versuchte zu lächeln und merkte, dass sie sich kaum auf das Gespräch konzentrieren konnte. Was, wenn sie sich nicht getäuscht hatte? Sie wurde immer unruhiger. So ein Blödsinn. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Die Hand in der Tasche streifte sie den Ring ihrer Großmutter vom kleinen Finger.
„Mist“, sagte sie laut und streckte die Hand aus. Theo sah sie an.
„Ich habe irgendwo vorhin den Ring schon wieder verloren.“
„Oh“, meinte Theo. „In der U-Bahn?“
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. Ihre gereizte Aufregung musste sie nicht spielen. „Irgendwo auf dem Weg hierher im Park. Ich gehe mal eben zurück. Vielleicht finde ich ihn noch.“ Schon drehte sie sich um, und ging den Weg zurück. Es ließ ihr einfach keine Ruhe. Sie sollte gar nicht zurückgehen. Denn im Grunde wusste sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Unten kam sie bei der Bank an.
Er saß noch da, das Handy in der Hand, aber er schaute nicht darauf. Als sie um die Kurve kam, wandte er den Kopf und sah sie an. Älter war er. Kantiger, ernster. Dieselben Augen.
Zwei Meter von ihm entfernt blieb sie stehen.
Er lächelte, ein wenig unsicher, ein wenig erleichtert.
„Ich dachte mir, ich bleibe hier sitzen – und vielleicht kommst du noch einmal vorbei.“
Sie stand da und schwieg. Wie konnte einem jemand vertraut sein, den man längst vergessen hatte? Sie hätte sich jetzt neben ihn setzen können wie früher. Nein, er war nicht mehr derselbe. Sie war nicht mehr dieselbe.
„Ich dachte, ich hätte mich getäuscht.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich hatte dich schon erkannt, als du noch dort hinten warst“, sagte er mit einem Nicken in die Richtung.
Die Haare waren auch dunkler als früher. Oder täuschte sie die Erinnerung? Neunzehn Jahre sollten ausreichen, um Details zu vergessen, oder nicht? Neunzehn Jahre sollten vor allem ausreichen, um Gefühle zu vergessen.
„Seit wann bist du denn wieder in München?“, fragte sie.
„Knapp zwei Jahre.“ Er sah auf den Platz neben sich, dann auf sie und schüttelte mit einem kurzen Lachen den Kopf. „Ausgerechnet jetzt treffen wir uns.“
Marta dachte, dass sie zum ersten Mal froh über den ganzen Corona-Abstandsmist war. Sie hatte sich das immer anders vorgestellt, sollten sie sich wieder begegnen. Damals, als sie sich so etwas noch vorgestellt hatte.
„Ja, das ist eine Überraschung“, sagte sie jetzt in leichtem Ton. „Gut schaust du aus.“
Er schwieg darauf und sah sie beinahe ein wenig vorwurfsvoll an wegen ihrer Oberflächlichkeit. Als ob er sich das leisten durfte. Diesmal würde sie ihm nicht zu Hilfe kommen. Plötzlich stand er auf, blieb aber auf seinem Platz stehen. Sie hatte ganz vergessen, wie groß er war. Ein wenig schlanker als früher.
„Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll“, meinte er schließlich etwas unbeholfenen.
„Das kannst du besonders gut“, sagte sie.
Er schloss kurz die Augen und lächelte resigniert.
„Du glaubst es mir jetzt sicher nicht, aber ich habe in letzter Zeit an dich gedacht.“
Doch, sie glaubte es ihm. Wenn sie ihm in die Augen sehen konnte, hatte sie immer ziemlich genau gewusst, was er dachte und wirklich fühlte. Nur hatte das auch nicht geholfen.
„Nun stehen wir hier“, sagte sie lediglich mit einem höflichen Lächeln.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt“, sagte er. „Zu anderen Zeiten, hätte ich dich fragen können, ob du mal einen Kaffee mit mir trinken gehst.“
„Ach, das wird sich sicher irgendwann ergeben.“ Sie behielt eisern den unverbindlichen Ton bei. „Diese Kontaktbeschränkung wird irgendwann einmal wieder aufgehoben sein.“
Er ignorierte ihre nonchalante Art vollkommen.
„Es gibt da ein paar Dinge, die ich Dir gerne erklären würde“, sagte er leise, aber bestimmt.
Was in ihr vorging, überforderte sie komplett. Es war Zeit, zu gehen und sich zu ordnen, bevor sie etwas sagte, was sie bereuen würde, in welcher Hinsicht auch immer.
„Also, ich muss jetzt wieder zurück, ich hatte nur sehen wollen, ob du das tatsächlich bist.“
„Bin ich. Wo wir uns nun über den Weg gelaufen sind“, sagte er und fuhr sich durch die Haare, „können wir die Kontakte austauschen? Bist du auf Facebook zu finden?“, fragte er, als sie zögerte.
„Nein, ich bin nicht auf den Social Media. Du wirst mich gar nicht im Internet finden.“
„Ach so. Ich bin jetzt bei einer anderen Firma, du findest mich da auf der Webseite. Mikkelsen Immobilien GmbH. Mit zwei K.“
„Du warst doch Partner?“, fragte sie überrascht.
„Bin ich hier auch. Aber mit dem Stefan hat es damals auf Dauer nicht geklappt.“ Er besann sich, wahrscheinlich fiel ihm selbst ein, wie lange es her war, dass sie über solche Dinge gesprochen hatten. „Kann ich mal erzählen.“
Das klang, als sei sie immer noch seine Ansprechpartnerin.
„Also, jedenfalls würde ich mich sehr freuen, wenn du dich meldest. Du kannst es dir ja überlegen“, fügte er hinzu.
Sie nickte langsam.
„Mach’s gut, Ben.“ Sie drehte sich um, um zu gehen.
„Marta.“
Sie sah zurück.
„War schön, dich zu sehen. Und du siehst wirklich gut aus.“
Dieses offene Lächeln erinnerte sie noch. So vertraut war es, dass sie es unwillkürlich erwiderte.
„Ich habe das vorhin auch ernst gemeint.“
Dann ging sie den Hügel wieder hinauf. Als sie bei den Bänken oben ankam, saßen Vincent und Silvie mit Abstand voneinander im Gras, während Theo und Justus auf einer Bank saßen und sich unterhielten. Theo sah auf, als sie heran kam.
„Hast du ihn nicht gefunden?“, fragte er nach einem Blick auf sie.
„Doch“, sagte sie und schob die Hand in ihre Tasche, um den Ring herauszuholen. „Doch, er lag auf dem Boden. Ich muss ihn nur abwaschen.“ Sie steckte ihn zurück. Justus wollte noch weiter an den Rand der Bank rücken, aber sie hob die Hand.
„Lass nur, ich setze mich hier gegenüber auf den Stein.“ Sie deutete auf einen Stein auf der anderen Seite des Weges. „Dann starren wir auch nicht alle auf die Kids.“
Theo musterte sie kurz, als sie sich setzte.
„Alles in Ordnung?“
„Ja“, versicherte sie. „Ich hatte nur Sorge, dass ich ihn nicht wiederfinde.“ Sie war froh, dass die beiden Männer sie ins Gespräch zogen, denn so konnten ihre Gedanken nicht in die Richtung galoppieren, wo sie nicht hin sollten. Sie wollte nicht an die Vergangenheit denken.

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Kapitel 20 coming soon: 22.05.2029