Silvie, teenager aus München LOVE IT ALL Figurine

Kapitel 18: München, I Love You!

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"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 18:

Silvie

„Ist heute Mittwoch oder Donnerstag?“, fragte Silvie. Sie lag auf ihrem Bett und telefonierte mit Vincent. Die letzten Tage hatte sie nicht viel von ihm gehört, hier und da hatten sie mal eine Nachricht ausgetauscht. Silvie hatte allerdings selbst nicht viel Zeit gehabt. Sie hatte sich durch die Vorgaben ihrer Schule gearbeitet. In jedem Fach hatte sie einen Haufen pdfs zugeschickt bekommen und Kapitelangaben in ihren Büchern, die es durchzuarbeiten galt.
„Heute ist Mittwoch“, sagte Vincent.
„Uff“, machte sie. „Dann muss ich erst übermorgen eine Hausaufgabe einreichen. Hast du auch so viel zum Lernen?“
„Nö.“
„Echt nicht? Müsst ihr keine Hausaufgaben einreichen?“
„Ein paar schon. Aber da achten die gar nicht drauf – bisher. Die meisten Lehrer sind überfordert und froh, wenn sie uns Aufgaben zum Ausdrucken senden. Ich glaube, irgendeinen Aufsatz müsste ich per Email einschicken.“ Er lachte. „Unser Sportlehrer ist der aktivste von allen. Er hat uns einen kostenfreien Freeletics-Plan erstellt. Wir sollen jeden Tag ein Workout machen und unseren Fortschritt eintragen.“
„Machen da alle mit?“
„Nein, das ist freiwillig. Aber ich mache das tatsächlich. Nicht jeden Tag, aber fast.“
„Also, ich habe ganz schön viel zu tun. Ich habe mir einen Plan erstellt, wann ich welches Fach lerne. Ansonsten verliere ich den Überblick und mache gar nichts.“
Jetzt klang sie sicher grauenvoll streberhaft, dachte sie im selben Moment.
„Müsste ich vielleicht auch machen“, sagte er nur, klang aber nicht begeistert.
„Machst du dir keine Sorgen?“, fragte sie.
„Worüber?“
„Dass wir zurückbleiben mit dem Lernstoff. Es heißt, dass nicht feststeht, dass wir nach Ostern wieder in die Schule können.“
„Wird schon werden. Aber ich habe auch nicht so ein hohes Ziel wie du.“
Silvie wollte Medizin studieren, das hatte sie ihm erzählt. Das wollte sie, seit sie zwölf Jahre alt war. Sie hatte im letzten Jahr ein Praktikum in der Chirurgie ergattert über einen Bekannten ihrer Eltern. Naja, Chirurgie klang sehr hochtrabend. Die erste Woche hatte sie mit dem Pflegepersonal die Betten gemacht und Bettpfannen geleert. Das hatte sie ohne die Nase zu rümpfen getan und deshalb war sie die letzten fünf Tage jeden Tag zu einer Operation mitgenommen worden. Seitdem hatte sie zwei alternative Ziele in der Medizin, nämlich Chirurgie oder Pathologie. Von letzterem hatte sie ihren Eltern noch nichts erzählt. Den Floh hatte ihr der leitende Stationsarzt ins Ohr gesetzt, nachdem er vom Personal gehört hatte, dass Silvie in den freien Minuten, die ihr gegönnt wurden, immer die Nase in einem Kriminalroman hatte.
„Aber du willst doch auch nicht mit den Noten absacken“, sagte sie jetzt.
„Nein“, gab er zu. „Aber ich habe im Moment total viel zu tun, sage ich dir.“
„Na klar, was denn?“, spöttelte sie.
„Ehrlich, mein Vater spannt mich seit zwei Tagen für sich ein.“
„Sollst du ihm die Farbpinsel auswaschen?“
Silvie wusste mittlerweile, dass Vincents Vater Maler war, und zwar sogar ein gut verdienender, dessen Bilder europaweit verkauft wurden.
„Nee. Für seinen normalen Job.“
Der „normale“ Job, den sein pragmatischer Vater trotz seines Erfolgs weiterhin behielt, war der eines Lehrers für Sport und Mathe an einer Realschule.
„Ein Maler und Mathelehrer?“, hatte Silvie erstaunt gefragt, als er das erste Mal davon erzählt hatte.
„Mein Vater sagt immer, ein Maler sollte ein Verständnis für Mathe haben und ein echter Mathematiker ist ein Künstler.“
„Dann waren meine Mathelehrer bisher keine echten Mathematiker. Ich glaube nicht, dass einer von denen für Kunst etwas übrig hatte“, hatte sie gesagt.
Vincent hatte ihr ein paar Bilder gezeigt. Zum Glück konnte man darauf etwas erkennen. Sein Vater schien gerne Szenen von Outdoorsportlern zu malen. Und eine New Yorker Straßenszene hatte Vincent ihr geschickt. Die fand sie auch cool, wenn auch die Farben auf den ersten Blick merkwürdig waren.
„Ich dachte, für die Schule hat er nicht viel zu tun im Moment?“
„Hat er auch nicht. Dank mir.“
„Ach komm“, meinte sie zweifelnd.
„Ehrlich. Er hatte viel mehr Zeit als sonst und hat fast nur gemalt. Aber jetzt ist er aktiv geworden – zumindest im Kopf beim Malen. Er hat sich überlegt, dass er für seine Klasse ein Lehrvideo erstellen will. Er hat die Inhalte aufgeschrieben und ich habe ihm daraus eine Powerpoint Präsentation gemacht. Dann habe ich einen Abend lang seine Erklärungen aufgenommen und anschließend bearbeitet und aus dem ganzen dann ein Video erstellt.“
„Das ist toll.“ Sie war wirklich beeindruckt.
„Das ist aber noch nicht alles. Er hält mich die ganze Zeit auf Trab. Er kümmert sich nie um seine Webseite. Also habe ich seine letzten Bilder fotografiert und hochgeladen und auch auf seinen Instagram Account.“ Bei alledem klang Vincent in Silvies Ohren, als ob es ihm Spaß machte und auch ein bisschen stolz. „Ich mache nämlich bessere Fotos als er. Und stell dir vor, gestern hat ihn ein neuer Galerist über Instagram kontaktiert. Er will eins seiner Bilder kaufen, vielleicht auch mehr.“
„Wow, Glückwunsch“, sagte sie und freute sich für ihn. „Da hat dein Vater in der Krise also keine Krise.“
„Die suchen jetzt alle viel mehr über Social Media nach Künstlern.“
„Da kann dir dein Vater Provision zahlen“, scherzte sie.
„Das tut er im Grunde auch“, gab er zu. „Er hat mir einen Programmierkurs bezahlt. Außerdem spart er immer auf einem Konto für mich, weil ich nach dem Abi doch so gern ins Ausland möchte. Allerdings“, fügte er ebenfalls scherzend hinzu, „will er natürlich auch von meinen Programmierkenntnissen für sich profitieren.“
Silvie setzte sich im Schneidersitz auf.
„Ich beneide dich ein bisschen. Bei dir scheint alles so friedlich zu sein.“
„Naja, ich sehe den Tag über kaum was von meinem Vater“, korrigierte Vincent. „Aber ja, wenn wir uns sehen, ist es friedlich. Er hat bisher allerdings auch nicht überprüft, wie weit ich mit dem Schulkram bin, dann sähe es anders aus, schätze ich. Warum, ist es bei dir nicht friedlich?“
„Doch, schon“, sagte sie zögernd. „Nicht wirklich. Irgendwie ist schlechte Stimmung. Ich weiß nur nicht, warum. Meine Mutter ist total gereizt, aber an mir liegt es nicht, sagt sie. Mein Vater kann dagegen gerade nichts richtig machen, hab‘ ich das Gefühl. Aber vielleicht macht sie sich nur Sorgen. Um mich und die Schule und um das Büro meines Vaters. Mein Vater wiederum steht die ganze Zeit unter Strom und arbeitet im Wohnzimmer. Auch nervig manchmal. Ständig ist er am Telefonieren oder hat Videokonferenzen. Man hat hier nie seine Ruhe.“
„Tut mir leid“, sagte er. „Das wird schon wieder.“
„Ich hoffe.“
Plötzlich ploppte auf ihrem Display eine Nachricht auf. Von Vincent. Irgendein animiertes Kopfwesen, das auf und ab hüpfte und Grimassen schnitt.
Wirkich sehr romantisch, dachte sie. In ihrer Fantasie hatte er jetzt neben ihr gesessen, ihr den Arm um die Schultern gelegt und ihr dann einen Kuss gegeben. Erstmal auf die Wange. Oh, okay, sie waren in der Realität nicht mal bis zum Händchenhalten gekommen. Ein Glück, dass er nicht in ihren Kopf schauen konnte. Sie schaute nochmal auf das hüpfenden Ding und musste trotzdem lachen.
„Ja, wird schon wieder“, sagte sie und verdrängte ihre Sorgen. „Am schlimmsten ist, dass ich die Musik dauernd leise drehen muss, weil mein Vater Capital Bra nicht leiden kann.“
„Kopfhörer“, schlug er vor.
„Mache ich schon. Ich werd‘ mal Schluss machen, meine Mutter hat mich gebeten, heut‘ Abendbrot zu machen. Und du reiß‘ dich mal zusammen mit der Schule. Als Programmierer muss man das Abi haben, auch wenn du bis dahin alles kannst was du brauchst.“
„Jaaaaa“, machte er und gähnte vernehmlich. „Du hast ja recht. Aber irgendwer muss hier auch kochen.“
„Das machst auch du?“
„Meistens. Den Putzkram teilen wir uns.“ Sie hörte, wie er grinste.
„Das könnte ich mir bei meiner Mutter gar nicht vorstellen“, sagte sie.
„Ach, mein Vater hat sich früher immer um Kochen und Hausaufgaben gekümmert. Der war sogar recht streng. Sind ja nur wir zwei. Aber jetzt vertraut er wohl drauf, dass ich mich um meinen Kram selbst kümmere. Mir fällt es nur echt schwer, mich zu organisieren“, gestand er.
Das weckte sofort Silvies Ehrgeiz. Sie war hervorragend im Organisieren.
„Wenn du willst, unterstütze ich dich. Ich stelle einen Plan mit dir auf. Und“, drohte sie lachend, „ich werde überprüfen, ob du dich dran hältst.“
„Einen Plan könnten wir wirklich zusammen machen“, stimmte er zu. „Meine Versuche haben nicht funktioniert. Die Lehrer haben einfach nur Unterlagen aufgelistet, aber wie wir vorgehen sollen, sagt einem kaum einer.“
„An meiner Schule ist das anders. Da haben wir sogar regelmäßig Live Chats mit den meisten Lehrern, wo wir Fragen stellen können. Ich helfe dir gern.“ Da hatte sie gleich einen Grund, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. „Dann telefonieren wir morgen nochmal dazu.“
„Alles klar. Übrigens“, sagte er zögernd, „ich bin mit meinem Vater am Samstag unterwegs. Er hat ausnahmsweise eine Auftragsarbeit angenommen und sucht schon mal Motive in München. Samstag wollen wir in Alt-Schwabing Fotos machen. Da gehen wir bestimmt anschließend noch ein bisschen in den Englischen Garten.“
„Ach.“ Sie war nicht sicher, worauf er hinaus wollte.
„Gehst du manchmal spazieren? Du wohnst doch in der Gegend nicht weit weg vom Englischen Garten. Könnte ja sein, dass wir uns begegnen.“
„Oh, ach so, das mache ich oft“, sagte sie rasch. Stimmte nicht ganz, aber am Samstag würde sie sowas von Spazierengehen. In dem Moment rief ihre Mutter nach ihr.
„Ups, ich muss auflegen. Da sprechen wir noch drüber.“
„Okay. Bis morgen dann.“
Sie lächelte immer noch, als sie, ihre großen Kopfhörer in der Hand, in die Küche kam. Bevor ihre Mutter Fragen stellen konnte, legte sie ihr die Hand an die Schulter und drückte sie.
„Setz dich doch gemütlich ins Wohnzimmer und lies‘ ein bisschen.“
„Du willst mich aus der Küche haben“, stellte ihre Mutter halb amüsiert, halb enttäuscht fest.
Silvie grinste und setzte ihre Kopfhörer auf.
„Wie kommst du denn darauf?“, fragte sie noch, während sie schon die Musik auf ihrem Handy aufdrehte.
„Ich möchte einen Gurkensalat!“, rief ihre Mutter, bevor sie die Küche verließ.

Kaffeehaus von LoveItAll

Lucas

Schwabing präsentierte sich in schönstem Sonnenschein, als Lucas am Mittwochmorgen durch die ruhigen Straßen fuhr, um seine Kaffeepackungen und Zimtschnecken vor die Wohnungstüren zu stellen.
Der Kaisergarten lag verlassen da. Das würde er auch mittags bleiben. Keine Gäste, die zu anderen Zeiten bei dem Wetter draußen an den Tischen unter den Kastanien gesessen hätten. Zwei Straßen weiter parkte er das Auto. Er klingelte an einem der schön renovierten Altbauten.
„Ja?“, fragte eine weibliche Stimme durch den Summer.
„Der Kaffee ist da“, sagte Lucas. Gleich darauf ging der Summer. Er nahm rasch die Treppen in den vierten Stock und stellte die Tüte vor die entsprechende Wohnungstür. Gerade wollte er wieder gehen, als Geschrei ihn auf dem Absatz innehalten ließ. Es kam nicht aus der Wohnung, die er beliefert hatte, sondern aus der gegenüberliegenden. Ein Mann und eine Frau brüllten sich an und das nicht zu knapp. Genauer gesagt, die Frau brüllte.
„…hast du überhaupt nicht zu bestimmen“, verstand Lucas durch die Tür. „Ich kann machen was ich will und dieser ganze Scheiß liegt nur an dir!“
Jetzt brüllte auch der Mann wieder.
„So lass‘ ich mich nicht behandeln, du hast doch-.“
„Du solltest ganz vorsichtig sein, so wie du die Kinder vernachlässigst!“, fiel die Frau ihm ins Wort.
„Das stimmt doch gar nicht!“
„Mama!“, schrie jetzt ein junges Kind, ob Junge oder Mädchen konnte Lucas nicht erkennen. Die Erwachsenen brüllten sich weiter an, beide gleichzeitig. Er würde es bereuen, dachte Lucas, aber er ging zur Tür und klingelte. Dann trat er wieder zurück bis zum Treppenabsatz.
Hinter der Tür war es jetzt still. Schließlich vernahm er gedämpfte Stimmen, aber niemand öffnete.
Stattdessen öffnete sich die andere Wohnungstür. Eine Frau in hellen Chinos und gestreifter Bluse, die Haare noch feucht von der Dusche, schaute heraus.
„Morgen“, grüßte sie und hob die Kaffeepackung auf. „Hast du dort eben geklingelt?“ Sie nickte zur anderen Tür hinüber.
„Ja. Ich fand, das klang nicht mehr harmlos“, sagte Lucas.
Sie verzog das Gesicht.
„Wir kriegen das in den letzten Tagen häufiger mit und sind uns nicht schlüssig, was wir tun sollen. Zu häuslicher Gewalt“, sie machte mit den Fingern die Zeichen für Anführungsstriche, „ist es bisher nicht gekommen. Aber das Gebrüll ist einfach unerträglich.“
„Woher wollt ihr das wissen, dass da nicht mehr passiert?“
Sie zuckte vage die Schultern.
„Können wir natürlich nicht, aber es klang nicht so. Außerdem kenne ich die beiden, die wohnen schon länger dort.“
„Kinder haben sie auch“, stellte Lucas fest.
„Ja, zwei Mädchen. Ich habe zu meinem Mann gesagt, dass den Kindern nicht geholfen ist, wenn wir ausgerechnet jetzt denen das Jugendamt auf den Hals schicken, weil die Eltern sich dauernd streiten.“
Lucas sah noch einmal zur geschlossenen Wohnungstür.
„Das wird in diesen Tagen in vielen Haushalten scheppern“, meinte er.
Die Frau hob vielsagend eine Augenbraue.
„Das“, sagte sie und deutete zu den Nachbarn, „kommt nicht vom Corona-Virus. In der Zeit vorher war der Mann nur tagsüber nicht daheim, da hat sie die Kinder angeschrien, wenn sie ihre Launen hatte. Da hätten wir eher das Jugendamt rufen können. Das kam aber nicht so häufig vor wie jetzt.“ Sie senkte ein wenig die Stimme. „Wenn du sie sehen würdest, würdest du nicht im Traum vermuten, dass sie eine jähzornige Person ist. Oder hysterisch trifft’s eher. Jetzt bekommt’s wenigstens der Erwachsene ab.“
Lucas lehnte sich ans Treppengeländer.
„Wirklich eine schwierige Situation. Ich weiß nicht, das kann man eigentlich nicht so hinnehmen, wenn man merkt, was da los ist, oder?“
„Was willst du machen?“, fragte sie abwehrend. „Ich habe ein einziges Mal vorsichtig angedeutet, ob es wohl manchmal stressig ist bei ihr. Noch vor diesem Ausnahmezustand. Seitdem redet sie kein Wort mehr mit mir. Und dann, auf der letzten Eigentümerversammlung vor zwei Wochen kurz vor der Kontaktsperre, was glaubst du? Da waren die beiden eine Einheit gegen die anderen.“ Sie hob eine Hand und verschränkte Zeige- und Mittelfinger. Dann schüttelte sie den Kopf. „Aber es würde mich wundern, wenn sie das hier überstehen.“ Plötzlich schien sie sich bewusst zu werden, dass sie mit einem völlig Fremden sprach.
„Jedenfalls achten wir drauf, ob das dort drüben eskaliert. Allein schon, weil die uns tierisch auf den Geist gehen, sage ich jetzt ganz egoistisch. Wir haben auch Kinder und die finden es furchtbar, wenn sie das hören. Ich möchte nicht, dass sie das dauernd mitbekommen. Wenn es nicht besser wird, dann wird mein Mann mit den Nachbarn reden. Aber“, fügte sie hinzu und beugte sich etwas zu ihm hin, „du kannst froh sein, dass sie nicht aufgemacht haben. Die hätte es fertig gekriegt aus lauter Wut, dass du dich einmischst, dich anzuzeigen, weil du die Vorschriften über Kontaktsperre und Abstand verletzt hättest. Und er hätte ihre Aussage bestätigt.“
„Na, dann wünsche ich euch, dass es nicht schlimmer wird“, sagte Lucas resigniert. „Bis nächsten Mittwoch. Danke, dass ihr wöchentliche Lieferungen bestellt habt.“
„Gleichfalls und vielen Dank für den Lieferservice“, wünschte die Frau und schloss die Tür.
Als er seine Tour weiter abfuhr, dachte Lucas noch über das Erlebnis nach. Er kam mit der derzeitigen Situation gut zurecht, aber er kam auch täglich unter Menschen, abends war er froh über seine Ruhe und noch fehlten ihm deshalb die analogen sozialen Kontakte zu Freunden nicht allzu sehr. Seine Schwester und sein Schwager waren von ihrem Grundcharakter her schon recht ausgeglichen und bereit, auf den anderen einzugehen. Die fanden auch in Krisenzeiten einen Weg, miteinander zu agieren. Aber Menschen, die extrem selbstzentriert waren oder nicht gewohnt mit Konflikten umzugehen, würden jetzt turbulente Zeiten durch-machen. Oder zumindest ihre Mitbewohner.
Um die düstere Stimmung zu vertreiben, rief er Isabelle an.
„Ah, hi“, begrüßte sie ihn, als sie ran ging. „Ich bin schon fleißig und bereite meinen Balkon auf den Frühling vor, bevor ich den ersten Termin habe.“
„Sehr schön.“
„Wo bist du?“
„Ich fahre noch meine letzten Kaffeelieferungen für heute morgen aus.“ Er erzählte ihr kurz von seinem Erlebnis.
„Furchtbar“, sagte sie. „Ich habe schon gelesen, dass die Frauenhäuser mit erhöhtem Bedarf rechnen.“
„Kann ich mir leider vorstellen. In diesem Fall ging die Aggression laut der Nachbarin aber nicht vom Mann aus.“
„Tja, in diesen Zeiten hat es auf jeden Fall Vorteile, wenn jeder seine eigene Wohnung hat in einer Beziehung“, meinte sie. „Es kann nicht wie sonst sich jeder morgens in sein Büro verziehen oder zumindest einer. Das kann für manche schlimm ausgehen diese Zeit, denke ich.“
„Andererseits“, meinte Lucas nachdenklich und bog in die Kaulbachstraße ein, seine letzte Adresse auf der Route, „mal abgesehen von Gewalt natürlich, kann man auch sagen, dass es heilsam ist, wenn man sich nichts mehr vormachen kann, indem man sich einfach aus dem Weg geht. Ich könnte mir vorstellen, dass manche sich jetzt eingestehen müssen, mit wem sie da eigentlich zusammenleben – und ob noch Gefühle da sind.“
„Na, du bist aber heute hartherzig drauf.“
„Wahrscheinlich. Manche entdecken sich vielleicht auch wieder in diesen Tagen“, sagte er, zu seinem üblichen Optimismus zurückkehrend. „Wie sieht’s denn aus, kommst du auf einen Kaffee vorbei? Oder sehen wir uns heute Abend?“
„Ja, wir haben uns auch schon ein paar Tage nicht gesehen, stimmt“, sagte sie leichthin. „Du könntest, wenn du fertig bist, bei mir vorbeikommen und mich für meinen schönen Balkon loben.“
„Das wird mir bestimmt nicht schwer fallen“, sagte er und setzte rückwärts in eine Parklücke. „Ich kann eine Flasche Wein mitbringen, dann können wir auf dein Werk anstoßen.“
„Mh, ja…“
Er merkte, wie sie zögerte.
„Wann passt es dir denn?“, fragte er und stellte den Motor ab.
„Weißt du“, sagte sie langsam. „Ich mach mir wirklich Sorgen wegen der Ansteckung. Du bist da irgendwie so entspannt.“
„Ein Hasardeur bin ich auch nicht“, sagte er, sorgsam bedacht, nicht zu salopp zu klingen. Dann wurden manche Menschen richtig aggressiv, hatte er festgestellt. „Ich möchte sicher nicht krank werden, egal an was, und ins Krankenhaus müssen. Ich glaube auch, dass die Ansteckungsgefahr hoch ist und bin möglichst achtsam. Aber ja, ich habe tatsächlich keine Angst, wenn du das meinst.“
„Also, ich habe Angst. Du kommst täglich mit so vielen Leuten zusammen, da ist mir das Risiko einfach zu groß. Ich bin die ganze Zeit im Home Office, das wäre dann alles umsonst.“
„Verstehe“, meinte er, auch wenn das nur halbherzig war. Aber er würde sicher nicht versuchen, sie zu überreden. Das musste jeder für sich selbst entscheiden. Trotzdem war er enttäuscht. Er hätte gerne Isabelle zu Hause getroffen, so, wie es zu normalen Zeiten einfach gewesen wäre. Er unterdrückte ein Seufzen und versuchte, normal locker zu klingen. „Was hältst du davon, wenn du mir den Balkon über FaceTime zeigst?“
„Das ist doch eine gute Alternative“, stimmte sie zu. „Dann machen wir es uns auf unseren Balkonen gemütlich mit einem Glas Wein. Heute Abend.“
„Schön. Dann arbeiten wir jetzt weiter.“ Er öffnete seine Tür. „Bis heute Abend.“

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Kapitel 19 coming soon: 19.05.2029