München I love you Lulu

Kapitel 16: München, I Love You!

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"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 16:

Kati

Sie hatte auch diesen Urlaubstag zu einem großen Teil an ihrem Schreibtisch verbracht. Regina hatte ihr bereits Vorlagen geschickt, aber die waren sehr zahlenlastig. Kati hielt sich nicht für dumm, aber wenn sie etwas las und es entstand dabei kein Bild in ihrem Kopf, dann konnte sie nur schwer damit arbeiten. Sie war erst vorangekommen, nachdem sie im Internet endlich nach mehreren Fehlschlägen eine anschauliche Anleitung auf einem kanadischen Start-Up Blog gefunden hatte, wie man an konkret an den Aufbau eines Business für Webseitenlösungen heranging. Sie hatte einen Teil der Fragen abgearbeitet, bis sie plötzlich nach der Mittagspause ins Zweifeln gekommen war.
Welches charakteristische Problem haben deine Kunden, das du für sie löst? Die Antwort war ihr leicht von der Hand gegangen. Sie nahm ihnen die Arbeit ab, eine Webseite zu erstellen, natürlich. Jetzt dachte sie, dass die Antwort viel zu schwammig und oberflächlich war. Was war daran speziell und charakteristisch? Irgendwie wusste sie, dass sie auf der Leitung stand, aber sie kam nicht voran.
Wie bringst du deine Kunden dazu, ihr Portemonnaie für dich zu öffnen? Dazu war ihr nicht mehr viel eingefallen. Sonderangebote? Werbung schalten? Alles nicht überzeugend, alles irgendwie lahm.
Dann kamen Fragen, wie sie ihren Gewinn kalkulieren und woran sie diesen für das erste Jahr bemessen könnte. Da hatte Kati den Laptop zugeklappt und sich auf’s Sofa verzogen. Mit der letzten Frage konnte ihr hoffentlich Regina helfen. Vielleicht stellte sie sich das alles zu leicht vor.
Memme, dachte sie. Gerade mal angefangen und schon am Jammern. Dabei hatte sie seit drei Jahren im Hinterkopf eine Vorstellung davon, mit ihren Designkenntnissen selbständig zu arbeiten und dabei sogar ihre Zeichnungen und Grafiken einzubinden. Immerhin hatte sie auf Instagram gestern eine Frage gestellt bekommen, ob man ihre Zeichnungen kaufen konnte.
Sie nahm ihr Handy, in der Hoffnung, dass ihr jemand geschrieben hatte. Tim hatte ihr vor zwei Stunden geschrieben.
Hi Kati. Wie geht’s? Irgendwie scheinen wir den Kontakt zu verlieren, kann das sein? Schade eigentlich. Vielleicht meldest du dich. LG
Nicht die Art von Nachricht, die sie sich gerade erhofft hatte. Es stimmte aber, sie hatte die Tage so gut wie gar nicht an Tim gedacht. Irgendwie war er bei all dem Zuhausebleiben im wahrsten Sinne des Wortes vor der Tür geblieben. Sie hatten noch einmal telefoniert, aber so richtig begeistert war Kati nicht gewesen. Noch eine Baustelle, um die sie sich kümmern musste, aber wenigstens keine lebenswichtige. Im Moment wusste sie nicht, wie sie darauf in die Tiefe gehend antworten sollte.
Du hast recht, tippte sie. Tut mir leid. Ich melde mich!
Das war keine Glanzleistung, aber mit mehr konnte sie gerade nicht aufwarten.
Wo war eigentlich ihr Hund?, fragte sie sich. Es war merkwürdig still. Kein gutes Zeichen.
„Lulu?“, rief sie misstrauisch. Nichts. Noch verdächtiger. Sie stand vom Sofa auf und schaute in die Küche. Es war dem verfressenen kleinen Dackel zuzutrauen, dort irgendwie an die Keksvorräte herangekommen zu sein. In der Küche war sie nicht. Kati fiel ein, dass sie heute früh das Bett frisch bezogen hatte. Sollte sie es etwa gewagt haben? Leise ging sie zum Schlafzimmer und öffnete die Tür.
„Also wirklich“, rief sie. Es gab ganz klare Regeln. So sehr Kati ihren Hund liebte, Lulu hatte ihr Körbchen. Es lag immer eine kleine Wolldecke auf dem Bett. Wenn überhaupt, dann durfte sie nur da drauf liegen. Leider liebte sie nicht nur Katis Bett, sondern vor allem frische Bettwäsche. Und da lag sie jetzt. Mitten im Bett unter der Decke, wie ein Mensch. Mit dem Kopf auf dem zweiten Kissen. Wohlweislich nicht auf Katis. Statt schleunigst das Feld zu räumen, nachdem sie ertappt worden war, stellte sie sich tot.
„Lulu!“
Kati ging zum Bett. Nun kam Bewegung in Lulu. Sichtlich widerwillig kroch sie unter der Decke hervor und sprang zu Boden. Natürlich auf die andere Seite vom Bett.
„Hierher“, kommandierte Kati streng. Das Klicken der Krallen auf dem Parkett verriet, dass Lulu ums Bett herum trottete. Immerhin hatte sie den Anstand schuldbewusst den Kopf hängen zu lassen.
„Raus“, sagte Kati. Lulu wedelte versuchshalber mit dem Schwanz.
„Nein, nicht lustig. Dafür bist du wirklich zu alt.“
Beleidigt drehte ihr Lulu den Hintern zu und verließ das Zimmer.
Seufzend folgte Kati und schloss die Tür hinter sich. Es war sowieso längst Zeit für einen Spaziergang. Mittlerweile ging sie mit dem Hund nur ungern an die Isar. Es war seit den Ausgangsbeschränkungen unglaublich voll dort geworden auf den Wegen wie auf den Grünflächen und für Lulu richtig anstrengend. Allerdings war es mittlerweile sieben Uhr abends, vielleicht waren zumindest die ganzen Familien mit Kindern zum Abendessen zurück in ihre Wohnungen gefahren.
Tatsächlich war die Wiese unterhalb des Maximilianeum nicht mehr so voll, da sie bereits im Schatten lag. Gerade schloss Kati ihr Fahrrad an, als ihr Handy klingelte.
„Hi, hier ist Lucas.“
„Oh hallo“, sagte sie überrascht. Sie hatte ihn seit Montag nicht mehr gesehen, nachdem er das Café verlassen hatte. Am Dienstag hatte sie von zu Hause aus die Bildgrößen zu Ende bearbeitet. Er hatte ihr nur eine kurze Nachricht geschickt, in der er sich für die schnelle Hilfe bedankt hatte, und dass sie über die Stunden eine Rechnung schreiben solle.
„Ich wollte mich entschuldigen, dass ich mich gar nicht mehr gemeldet habe“, sagte er. „Aber es gab diese Woche so viel zu tun und zu organisieren.“
„Kein Problem. Ich wusste ja, was ich zu tun hatte.“
„Vielen Dank, dass alles so gut geklappt hat“, sagte er noch einmal. „Ich wollte fragen, ob wir dich gleich nochmal beauftragen können?“
Kati boxte stumm in die Luft vor Freude.
„Klar. Lulu, jetzt warte mal!“, rief sie dann. „Ach, egal.“
„Bist du spazieren?“
„Wir sind heute spät dran. Aber jetzt ist es immerhin ein wenig leerer hier.“
„Wo bist du denn?“
„Bei den Staustufen beim Landtag.“
„Ich habe bis eben mit Dirk über der Buchhaltung gesessen in der Wörthstraße und bin gerade am Wiener Platz. Wäre es dir recht, wenn ich dir zufällig begegne und dir über zwei Meter Abstand zurufe, um was es geht? Ansonsten gehe ich hier spazieren und wir telefonieren.“
„Also, ich habe damit ehrlich gesagt kein Problem.“ Vor allem nicht, wenn es sich um ihn handelte. „Ich sehe hier kein Polizeiauto, die waren bestimmt den Tag über hier unterwegs.“
„Dann bis gleich.“
Kurz darauf sah sie ihn den Weg zur Wiese hinunter kommen, wo sie mit Lulu stand. Er trug eine leichte Windjacke, denn obwohl es heute sonnig und warm gewesen war, waren die Abende noch kühl. Lulu erkannte Lucas sofort wieder und preschte auf ihn zu. Sinnlos, der etwas von Abstand zu erzählen. Er schlenderte mit dem Dackel neben sich zu ihr heran und blieb in angemessenem Abstand stehen.
„Hi“, sagte er lächelnd.
„Hallo.“ Sie warf ihm den Ball zu. „Da kommst du leider nicht drum rum.“
„Das krieg ich hin.“ Er warf den Ball in hohem Bogen weg.
„So“, sagte Kati, als der Hund davon jagte. „Was gibt es bei euch zu tun?“
„Ich hätte ein paar neue Produkte, die wir im Shop anbieten wollen.“ Er musste grinsen. „Meine Mutter lenkt sich gerade mit Nähen ab.“
„Ah“, sagte sie gedehnt. „Familienverpflichtung?“
„Nein, nicht ganz. Wir finden, dass die Sachen wirklich passend sind. Sonst hätte ich mir eine Ausrede einfallen lassen müssen.“
„Ich kann die Fotos ohne Probleme einstellen“, sagte sie. „Aber ich bin keine Fotografin. Habt ihr jemanden für gute Produktfotos?“
Er nickte. Dann musste er erstmal wieder den Ball fortwerfen.
„Meine Schwester macht sehr gute Fotos, und ich habe ihr die Artikel schon vorbei gebracht. Würdest du dir auch Texte für eine Produktbeschreibung dazu überlegen?“
„Das kann ich machen. Wenn die Fotos fertig sind, schick sie mir einfach. Dann lege ich los.“
„Perfekt.“ Er legte den Kopf schief. „Unter welchem Namen findet man deine Webseite? Dirk hatte mich gefragt, aber wir haben dich nicht gefunden im Internet.“
Wie peinlich, dachte sie. Aber nun half nur die Wahrheit.
„Ich habe noch keine. Ich mache das schon lange, aber als Angestellte in einer Agentur. Dank Corona droht mir Kurzarbeit und es ist sehr wahrscheinlich, dass ich den Job bald verliere. Während ich in meinem Selbstmitleid gebadet habe, habe ich beschlossen, es zu wagen, mich selbständig zu machen. Die Idee hatte ich schon länger. Derzeit habe ich meinen Resturlaub und meinen Jahresurlaub eingereicht und bereite mich vor. Dein Auftrag hat mich aus heiterem Himmel erwischt.“ Sie hob die Hände. „Eine Webseite gibt es noch nicht.“ Zumindest keine frei geschaltete. Sie war noch längst nicht zufrieden.
„Das finde ich toll“, sagte er ernst. „Tut mir natürlich leid wegen der Anstellung, aber es ist wirklich toll, dass du das in Angriff nimmst.“
Ein kurzes Bellen, erinnerte ihn an seine Pflichten.
„Ja, Entschuldigung, habe geschlafen“, meinte er zu Lulu.
„Also, wenn du eine Visitenkarte hast, dann gib sie mir. Ich werde dich gern weiterempfehlen. Zumindest weiß ich schon mal, dass du dich mit Shopify gut auskennst.“
„Danke.“ Das war eine Ermunterung nach diesem Tag frustrierender Planungsarbeit. „Das kann ich gebrauchen. Ich sitze derzeit an meinem Businessplan und muss gestehen, dass ich mich schwer tue, mich zu positionieren.“
„Warum?“, fragte er und wirkte ehrlich erstaunt. Eigentlich wollte sie ihn nicht mit diesem Thema langweilen, aber schon rasselte sie herunter, worüber sie heute nachgedacht hatte. Lucas hörte ihr zu, während sie Lulu über die Wiese hinterher folgten.
„Mach es dir doch einfach“, sagte er. „Warum konzentrierst du dich nicht erst einmal nur auf Webseiten für Online-Shops?“
„Ach so.“ Sie hatte zwar überall gelesen, dass man nicht für alle anbieten sollte, weil man dann für niemanden die richtige Adresse sei, aber so ganz hatte sie das nicht glauben wollen.
„Klar“, meinte er. „Was denkst du über unsere Seite?“
Kati wurde verlegen. Er lachte.
„Komm schon, ehrlich.“
„Die ist grundsätzlich gut. Sie wirkt professionell.“
„Mhm, mit anderen Worten, sie ist nett“, meinte er mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Du weißt schon, was nett bedeutet?“
Sie grinste ertappt.
„Ich finde, sie bringt den Charme eurer Cafés nicht rüber. Mir gefällt das klare Design, aber es ist irgendwie leblos. Ich habe mir am Mittwoch mal das Café in der Schellingstraße angesehen. Die Filialen sind doch was besonderes. Dann habt ihr diese eigene Kaffeeröstung und kümmert euch um die Herkunft der Kaffeebohnen. Das geht alles etwas unter auf den Seiten. Aber euer Logo gefällt mir“, fügte sie hastig hinzu.
„Du hast völlig recht“, sagte Lucas. „Wir haben damals einen Designer beauftragt, aber so richtig zufrieden sind wir mittlerweile nicht mehr mit unserem Auftritt. Außer dem Logo.“ Er klopfte sich auf die Schulter. „Das haben nämlich Dirk und ich entworfen, als wir in Ecuador eine Kaffeeplantage besuchten.“
„Weißt du“, sagte sie ganz in ihrem Thema aufgehend. „Man nennt das jetzt überall Storytelling. Aber das trifft es auch gut. Man müsste auf der Seite ein Gefühl für euch bekommen. Was ihr aufgebaut habt, wie ihr euch dafür begeistert.“
Es war bereits recht dämmrig geworden. Lulu hatte sie mittlerweile ans andere Ende der Wiese gelockt und jetzt war es Zeit, die Richtung zu wechseln.
„Na siehst du“, sagte Lucas. „Jetzt weißt du schon das charakteristische Problem deiner Kunden. Wir sind der Normalfall. Dirk und ich sind Unternehmer und uns ist klar, wie wichtig ein guter Webauftritt ist. Aber wie man den macht, davon haben wir weder Ahnung, noch interessiert das einen von uns.“ Jetzt hielt er verlegen inne. „Versteh mich nicht falsch, ich meinte, für uns sind zu viele andere Dinge wichtig.“
„Schon verstanden“, beruhigte sie ihn. „Ich sehe, was du meinst. Ich werde mal versuchen, wie ich das zusammenfasse.“
„Ach“, meinte er und warf mal wieder den Ball in hohem Bogen fort. „Wie wär’s damit: Bist du es leid, dass dein Webauftritt nur eine praktikable Lösung ist, die sich nicht von anderen Konkurrenten unterscheidet? Hättest du gerne eine Webseite, die den Charakter deines Shops und deine Botschaft rüberbringt? Dann stellst du dich als die vor, die den Suchenden das ermöglicht.“
Sie blieb stehen und starrte ihn an.
„Und du sagst, du hast keine Ahnung? Das ist super.“
Er deutete eine Verbeugung an.
„Wenn man zuhört, was du erzählst, war das nicht mehr so schwer. Außerdem kann ich dir nur raten, einen Schwerpunkt auf das Programmieren zu legen. Da hätte ich auch sofort aus tiefstem Herzen gegriffen einen Slogan für dich: Du träumst von einer leicht zu pflegenden, gut funktionierenden Webseite? Du bist Geschäftsmann/-frau und verflixt nochmal kein Programmierer? Und dann sagst du, dass du die Lösung hast.“
Sie klatschte in die Hände.
„Das ist großartig, muss ich mir merken.“
„Egal ob Online-Shop oder Geschäft vor Ort, du musst dran denken, dass die meisten von uns über jeden Rat dankbar sind, unabhängig ob technisch oder vom Design her.“
Er kniff die Augen zusammen und sah Lulu entgegen.
„Wird dieser Hund niemals müde?“
„Tut mir leid, ich habe gar nicht mehr drauf geachtet, dass du die ganze Zeit beschäftigt wirst.“
„Nein“, versicherte er, „ich meinte nur, ich kann nicht fassen, dass ein kleiner Hund so zäh ist. Wenn sie hier vor einem steht, hat man den Eindruck, ihr fällt gleich die Zunge aus der Schnauze, aber sie lässt nicht nach.“
„Sie ist fix und alle“, stellte Kati mit einem Blick auf Lulu fest. „Aber sie muss das ausnutzen. Die letzten Tage hatten wir nicht solches Glück.“
„Verstehe“, sagte er scherzend, „Du wirfst nicht, du lässt werfen.“
„Was soll ich machen, mein Hund ist wählerisch“, entgegnete sie unschuldig.
„Man sagt doch immer, wie der Herr – ich meine die Frau – so der Hund.“
Sie lachte nur.
„Das hat richtig gut getan“ sagte sie dann. „Du hast deinen Geschäftspartner mit dem du dich besprechen kannst. Ich habe da niemanden und verstehst du, es ist manchmal schön, wenn man sich darüber austauschen kann, womit man sich gerade beschäftigt. Auch, wenn es natürlich nicht unbedingt dein Thema ist.“
Er spielte einen Moment mit dem Ball in der Hand.
„Verstehe ich gut“, sagte er schließlich. „Los Lulu, einmal geht noch.“ Lulu ließ sich nicht zweimal bitten.
„Wenn sich die Dinge etwas geklärt haben, komme ich vielleicht mal auf dich zu wegen einer Überarbeitung unserer Webseite.“
„Gern“, sagte sie erfreut. „Dann kannst du mir auch erklären, was Third Wave Coffee bedeutet.“
„Naja“, er steckte die Hände in die Taschen seiner Jacke. „Das ist ein Modewort. Es bedeutet, dass Wert auf höchste Qualität der Kaffeebohne gelegt wird. Sozusagen, der Kaffeegenuss für den Connaisseur. Wie die Gin-Bewegung oder Whiskey, so gilt das bei Third Wave Coffee eben für den Kaffee. Es wird besondere Sorgfalt auf Herkunft, Anbau und Zubereitung gelegt.“
„Oho.“ Kati spitzte die Lippen. „Ich werde nie mehr ungekämmt deine Cafés betreten. Schon faszinierend, wie facettenreich fast alles ist, was es gibt. Da denkt man, irgendein Thema ist nicht sonderlich ergiebig oder es könnte einen nicht interessieren. Kaffee, Holz, egal, was für Materialien oder auch handwerkliche Tätigkeiten. Dann beschäftigt man sich aus irgendeinem Grund damit und plötzlich eröffnet sich einem eine ganz neue Welt. Plötzlich ist es dann nicht nur interessant, sondern man kann danach gar nicht mehr anders, als auf die Qualität achten.“
„Das stimmt. Bevor ich mit den Cafés anfing, habe ich einen guten Espresso zu schätzen gewusst, aber mehr habe ich nicht über Kaffee nachgedacht.“ Er sah sie an. „Ich denke, du wärst die richtige für uns.“
„Es würde mich freuen, die Webseite für euch zu erneuern.“
„Wird noch etwas dauern.“
„Na klar“, sagte sie schnell. „In der jetzigen Lage steht das bei euch sicher nicht oben auf der Liste.“
„Das lungert schon länger oben auf der Liste“, widersprach er. Sie waren wieder am Fuß des Hügels angelangt. Hier hörte man das Rauschen der Isar, die die Staustufen hinunter brauste. „Aber wir haben leider Änderungen, unabhängig von Corona. Man hat uns die Schellingstraße gekündigt. Zum Oktober müssen wir raus.“
„Oh nein! Das tut mir leid.“
„Ja ist blöd. Aber“, er zeigte auf sie, „ich sehe das wie du. Es hilft nicht, sich aufzuregen, wir müssen weiterdenken.“
Trotzdem tat es ihr leid. In München eine neue Ladenfläche zu finden, das war kein Spaß.
„Ihr findet auf jeden Fall eine Lösung. Aber es ist hart. Könnte es nicht sein“, überlegte sie, „dass die Mieten für solche Flächen in den kommenden Monaten bei Neuvermietung sinken, wenn es wirtschaftlich eher schlecht geht?“
„Abwarten.“
„Stimmt. Bei euch ist die Situation anders, ihr seid schon mitten im Geschäft. Bei mir habe ich mir sagen können, dass ich nicht richtig aufgepasst habe, was ich mir wünsche.“
Er blieb stehen und sah sie überrascht an.
„Wie meinst du das?“
„Naja, ich war unzufrieden mit meinem Job und mit meinem Chef. Ich habe immer gedacht, ach, das will ich nicht mehr, könnte ich nur mehr meine Ideen umsetzen. Mimimi.“ Er grinste.
„Doch doch“, sagte sie nur. „Aber ich hab nichts unternommen. Ich war natürlich dankbar, dass ich einen Job habe. Denn“, sie zwinkerte ihm zu, „ich kenne mich ja aus mit dem ganzen Neuen Denken. Sei hier dankbar, denke da positiv, such dort das Schöne in den Dingen. Aber das muss man erstmal wirklich umgesetzt bekommen. Wenn ich ehrlich bin war das eher so: Ich bin sooo dankbar, dass ich einen Job habe, auch wenn der Chef zum Teufel gehen könnte und mich die meisten Projekte langweilen und – ups, aber nee, wirklich, ich bin ja sooooo dankbar.“
Er schüttelte noch immer schmunzelnd den Kopf.
„Vielleicht bist du auch einfach ein optimistischer Mensch. Jeder meckert doch mal.“
„Warte. Also, ich bin also in diesem Wechselmantra, ohne daneben für mein Glück was zu tun. Zack, kriege ich einen Tritt in den Hintern, beziehungsweise ich bekomme meinen Wunsch erfüllt. Ach liebe Kati, du möchtest gerne deine Projekte machen wie du willst? Dein Wille geschehe. Schwups, weg mit dem blöden Job, lauf los. Hätte ich mich mal früher mit meinem Wunsch ernsthaft beschäftigt, dann wäre ich jetzt nicht so überrumpelt worden und gestresst.“ Sie wedelte mit der Hand. „Aber, das passt bei euch nicht. Ihr wart gerade zufrieden mit euren Filialen.“
„Ich kann mal nachdenken, zu was es bei uns gut ist“, meinte er. „Wer weiß, was mir einfällt. Was ist eigentlich aus deinem Date geworden?“
„Wie?“, fragte sie überrumpelt.
„Du wolltest dich doch mit diesem Typen aus dem Sushi Restaurant treffen. Als wir uns das erste Mal gesehen haben.“
Das wusste er also noch, dachte sie.
„Ach so. Wir haben uns getroffen.“
Als sie nichts weiter sagte, bohrte er unbekümmert nach.
„Ja und, trefft ihr euch noch? Oder ist das zu indiskret?“
Na, also Schüchternheit war definitiv kein Problem von ihm.
„Nein. Wir hatten einen sehr netten-„, sie hielt inne, als er loslachte – „Oh Mann! Einen unterhaltsamen Abend hatten wir.“
Jetzt lachte er glatt noch mehr.
„Entschuldigung“, sagte er dann, „bin nicht sicher, welches Wort schlimmer klingt. Vielleicht sollten wir wieder über dein Business reden. Da fallen dir leidenschaftlichere Adjektive ein.“
„Witzbold“, knurrte sie, musste aber dabei selbst grinsen. „Wie gemein. Das ist wirklich ein netter Typ und der hat viel drauf. Nun kam noch Corona dazwischen, muss man bedenken. Da kann man sich auch schlecht kennenlernen.“
„Corona ist kein Hindernis“, sagte er ernst. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie irgendwann in ihrer Unterhaltung den Abstand überhaupt nicht mehr beachtet hatten. Er stand direkt neben ihr.
Und das war sehr angenehm.
„Mh, kann sein“, meinte sie und trat etwas zur Seite. „Ich war dann auch ganz eingenommen von meinen Businessplänen.“ Sie sah sich um. „So, jetzt muss ich mal die Lulu einsammeln und mich langsam auf den Heimweg machen. Du bist auch mit dem Rad unterwegs?“
Damit hatte sie die Stimmung unterbrochen, die sich da heimlich zwischen ihnen aufgebaut hatte.
„Nein, ich bin zu Fuß. Ich gehe zur U-Bahn am Max-Weber-Platz.“
Sie gingen den Hügel hinauf zu ihrem Fahrrad. Etwas mehr Abstand hielten sie wieder ein, wenn auch nicht den vorgeschriebenen. Sie setzte Lulu in den Korb und schloss das Rad vom Geländer frei.
„Was ist denn mit deinem Date oder Freundin?“, fragte sie dabei. „Die aus dem Englischen Garten.“
Jetzt war er es, der nicht gleich antwortete. Sie sah zu ihm auf.
„Wir treffen uns noch“, sagte er langsam.
„Ah“, machte sie nur leichthin und ärgerte sich, dass sie enttäuscht war. „Also, komm gut heim. Ich warte auf die Fotos.“
„Ja, die schicke ich dir“, stimmte er zu. „Komm auch gut heim. Und wenn du über deine Pläne reden möchtest, sag gern Bescheid. Hat mir Spaß gemacht das Brainstorming.“
„Mir auch.“ Sehr sogar, fügte sie stumm hinzu. Sie hob die Hand. „Ciao.“
„Bis bald“, sagte er. Dann ging er am Maximilianeum vorbei in Richtung Max-Weber-Platz. Kati stieg auf’s Rad und fuhr in die anderer Richtung über die Brücke.
„Du darfst heut auf dem Bett schlafen“, sagte sie zu Lulu, deren Ohren im Fahrtwind flatterten. Lulu bellte.
„Aber auf der Wolldecke“, fügte Kati hinzu.

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Kapitel 17 coming soon: 13.05.2020