München, I love you! Manfred

Kapitel 14: München, I Love You!

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"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 14:

Silvie

Als sie in München landeten merkte Silvie erst, wie müde sie war. Die Stunden auf dem Flughafen Tegel hatten sie und Vincent im Wartebereich mit einem Sitz Abstand zwischen sich verbracht. Erstaunlicherweise war ihnen, abgesehen von ein paar Stunden Schlaf im Flieger, nie langweilig geworden. Sie hatten geredet, sich Folgen einer Netflix Serie angesehen, die Vincent runter geladen hatte auf auf sein Handy und Karten gespielt. Trotzdem war sie jetzt glücklich, als sie ihre Koffer vom Band holten und die Odyssee hinter sich hatten.
„Ich bin mal gespannt, wann ich den Rest meiner Sachen wiedersehe“, sagte sie etwas betrübt. Ein Teil war noch bei ihrer Gastfamilie in Charlotte und ausgerechnet ihr Lieblingssweater war darunter.
„Ja, ich habe auch noch einige Sachen in Maine“, meinte Vincent. Bevor sie durch den Ausgangsbereich gingen, blieb er stehen.
„Also“, sagte er und fuhr sich etwas unbehaglich durch die Locken. „War echt nett, dass wir die Reise zusammen gemacht haben.“
„Fand ich auch.“
Sie sahen sich an und grinsten verlegen. Die Telefonnummern hatten sie schon in Berlin ausgetauscht.
„Wir können uns ja mal treffen“, schlug Vincent vor. „Eisbach, oder Eis essen, oder – so.“
„Gern. Vielleicht am Wochenende?“
Er hob die Schultern.
„Klar. Cool.“
Sie standen noch einen Moment voreinander.
„Vergiss nicht, mir die Fotos zu schicken“, sagte sie. In Berlin hatten sie Schnappschüsse von sich gemacht. Von Silvie, von Vincent mit Silvies Brille auf der Nase und schließlich von ihnen zusammen. Wobei sie den Abstand dann nicht mehr eingehalten hatten. Ein Polizist, der sie offenbar beobachtet hatte, war zu ihnen gekommen.
„Ich nehme an, ihr seid natürlich Bruder und Schwester, so ähnlich wie ihr euch seht“, hatte er gesagt, sich betont nachdenklich das Kinn gestrichen, dabei aber eine ernste Miene gewahrt.
„Äh, ja, genau“, versicherte Vincent. Vor allem bei den ähnlichen Haarfarben, hatte Silvie gedacht.
„Mhm, dann sind wir alle erleichtert, denn sonst hättet ihr ja gegen Vorschriften verstoßen.“ Der Polizist hatte sich die Flugtickets geben lassen.
„Naja. Ihr habt wohl die letzten Stunden sowieso miteinander verbracht, da ist das mit dem Abstandhalten eh zu spät.“
Sie hatten ihn stumm treuherzig angesehen und er hatte ihnen die Flugtickets zurückgegeben.
„Die Leute sind hier seit heute nicht mehr entspannt. Der nächste Polizist ist vielleicht nicht so großzügig wie ich. Also reißt euch ein bisschen zusammen, wenn ihr in München auf die Straße geht.“ Das hatten sie natürlich versprochen.
„Klar, mach ich“, sagte Vincent jetzt zu ihr.
„Dann gehen wir mal raus die Eltern begrüßen.“
Sie gingen hintereinander durch die automatischen Türen. Silvie entdeckte ihre Eltern in einiger Entfernung hinter der Absperrung. Vincent sah über seine Schulter zurück zu ihr.
„Mein Vater ist da drüben“, er nickte mit dem Kopf in die andere Richtung. „Tschüß dann.“
„Tschüß, komm gut heim“, sagte sie und zog ihren Koffer hinter sich her.
Ihre Eltern knuddelten sie beide nacheinander, als wäre sie zwei Jahre weg gewesen.
„Hallo“, ächzte sie, als ihre Mutter sie gar nicht loslassen wollte. „Wir haben hier ein Sauerstoffproblem.“
Marta ließ sie mit einem Lachen los.
„Stell dich nicht so an, das war alles zu aufregend.“
„Aber jetzt bin ich da, also lasst mich auch am Leben“, sagte sie grinsend. „Ich bin auch froh, wieder hier zu sein.“
„Dann gehen wir mal zum Auto“, sagte ihr Vater.
Sie sah sich um und suchte Vincent. Der ging neben einem großen Mann mit ebenfalls dunklen Locken wie sein Sohn dem Ausgang entgegen.
„Der Junge da vorn, ist der mit dir zusammen geflogen?“, fragte ihre Mutter. War ja klar, dass sie sofort mitbekommen hatte, wo der Blick ihrer Tochter hinging.
„Mhm.“
„Von Berlin?“, bohrte ihre Mutter weiter.
„Mhnö“, nuschelte Silvie. „War von Anfang an dabei.“
„Ach was! Das ist ein Zufall. War er nett?“
Och Mann, da wollte sie jetzt wirklich nicht mit ihren Eltern drüber reden.
„Joah“, sagte sie möglichst vage. „Hat mit mir glatt wetten wollen, dass der Flug nicht rausgeht. Weil er Wetten immer verliert. Erst habe ich gedacht, der tickt nicht ganz richtig.“
Ihr Vater schaute prüfend zu Vincent hinüber, der jetzt mit seinem Vater vor einem Kombi in der Haltezone stand.
„Dann war er aber wohl doch ganz nett“, meinte er mit einem weiteren prüfenden Blick auf Silvie. „So wie du grinst.“
Mist, hatte sie gar nicht gemerkt.
„Ja, war nett. Mom, jetzt schau du nicht auch noch so neugierig rüber! Unglaublich, ihr seid echt peinlich.“
„Wieso, hat er gar nicht gemerkt“, meinte ihre Mutter unbekümmert. „Ich habe ihn vorhin nicht richtig sehen können. Schaut nett aus.“
„Könnte sich mal die Haare kämmen“, sagte ihr Vater.
„Papa!“
Der lachte nur.
„Gut, dass wir jetzt Ausgangsbeschränkung haben. Warum sagst du eigentlich zu mir Papa und nicht Dad?“
„Warum? Keine Ahnung“, sagte sie ehrlich ratlos. „Merke ich gar nicht. Mom ist irgendwie wie Mama, aber Dad klingt zu pseudo amerikanisch. Wahrscheinlich. Was weiß ich.“
„Theo, hinterfrage nie die unergründlichen Wege eines Teenagers“, sagte ihre Mutter.
Als sie im Auto saßen, fiel Silvie erst auf, was ihr Vater vorher gesagt hatte.
„Wieso Ausgangssperre? Was genau heißt das denn?“
„Das heißt, dass du dich mit niemandem treffen darfst, der nicht mit dir in einem Haushalt wohnt.“
„Was?“, rief sie. „Ich dachte, man soll nur Abstand halten und so.“
„Nope.“ Ihr Vater schüttelte den Kopf, während er durch die Schranke fuhr. „Alle Väter minderjähriger Teenagertöchter können gerade vollkommen ruhig schlafen.“
Sie stöhnte auf und ließ sich in ihren Sitz zurückfallen. Wie doof war das denn? Konnte das Schicksal gemeiner sein? Ihr Handy brummte. Vincent hatte ihr die Fotos geschickt.
Hab die unscharfen aussortiert, schrieb er mit einem Smiley.
Danke, tippte sie. Hast du gehört, dass wir gar niemanden treffen dürfen? Man darf nur mit Familie rausgehen.
Es dauerte einen Moment.
Stimmt, hab’s auch grad gehört, schrieb er zurück. Voll bescheuert.
Wird nichts mit dem Wochenende. Sie wartete.
„Hallo da hinten“, rief ihre Mutter.
„Wie bitte?“
„Wir haben gefragt, was du essen möchtest. Ein paar Restaurants haben Außerhausverkauf. Auch dein Lieblings-Inder. Sollen wir heute dort was holen?“
„Mir egal“, sagte sie nur. „Können wir.“
„Oh oh“, sagte ihre Mutter halblaut zu ihrem Vater. „Das wird was werden die nächsten Tage. Teenagerherz leidet.“
„Das habe ich gehört“, rief Silvie vorwurfsvoll.
„Das solltest du auch“, entgegnete ihre Mutter.
Melde mich später nochmal, okay?, erschien eine Nachricht auf ihrem Display. Sitze neben meinem Vater und der schielt dauernd rüber.
Hier auch nicht besser…, antwortete sie. Bis später.

Kaffeehaus von LoveItAll

Manfred

Am Donnerstag stand Manfred vor dem Spiegel der Garderobe und betrachtete sich verdrießlich.
„Es gibt noch gar keine Pflicht, eine Maske zu tragen“, sagte er hinter dem Stoff hervor.
„Wehe, du nimmst sie ab.“
„Aber-.“
„Erstens wollen wir nicht zu den sturen Alten gehören, denen alles egal ist. Zweitens mache ich mir Sorgen um dich. Drittens habe ich mir so viel Mühe mit der Maske gegeben.“
Er drehte sich zu seiner Frau um und hob verzweifelt die Hände.
„Mit Marienkäfern? Gab’s keinen dezenteren Stoff für mich?“
„Ich fand den so fröhlich“, sagte sie ungerührt und kam näher, um an der Maske herum zu zupfen, was einen halb erstickten Protest zur Folge hatte. „Was hättest du denn gewollt, schwarz mit Totenköpfen?“
„Das fänden unsere Enkel sicher besser. Haben die auch Marienkäfer?“
„Nein, die haben weiß-blau kariert.“ Sie sah ihn an und gab ihm einen Stups auf die bedeckte Nase. „Ich nähe dir noch eine. Eine Seniorenmaske. Grau wenn du möchtest.“
„Witzig, witzig“, sagte er, aber um seine Augen zeigten sich Lachfältchen.
„Hast du auch die Bestätigung von Lucas?“
Lucas hatte ihnen am Abend zuvor eine Bestätigung per Email geschickt, dass Manfred Masken für die Mitarbeiter liefere und damit einen Grund hatte, auf der Straße zu sein. Er zog den zusammengefalteten Ausdruck aus der Papiertüte mit den genähten Artikeln und hielt ihn hoch.
„Alles dabei“, sagte er, steckte ihn wieder zurück und nahm die Tüte. „Ich gehe dann mal. Wenn ich unterwegs in Atemnot gerate, ist es jedenfalls nicht wegen Corona.“
„Pass auf dich auf“, sagte sie nur und schloss die Tür hinter ihm.
Er fand es zwar unnötig, aber er hielt sich an sein Versprechen und behielt die Maske auf. Abgesehen von der störenden Maske war das U-Bahnfahren ein Traum. Außer ihm saßen noch zwei weitere Menschen im ganzen Wagon, in den übrigen sah es nicht anders aus. So hatte er die öffentlichen Verkehrsmittel tagsüber in den letzten Jahren nicht mehr erlebt. Er erinnerte sich, im Januar noch gedacht zu haben, dass die U-Bahnen mittlerweile das ganze Jahr hindurch so voll waren wie früher nur zur Wiesn-Zeit. Es wäre nur schön, wenn andere Umstände dazu geführt hätten, dachte er.
Er wollte sich vor dem Coffee Addicts in Neuhausen in die Schlange der Kunden einreihen, aber Lucas entdeckte ihn und winkte ihn herein.
„Wir gehen da in die Ecke“, sagte er zu seinem Vater und ging zum Hochtisch an der Fensterfront, der nicht benutzt werden durfte. Auch in dieser Filiale war der Bereich mit Tischen und Stühlen abgesperrt worden. Das Mobilar stammte aus den 50er Jahren oder entsprach zumindest dem Stil.
„Wieso habt ihr eigentlich in jedem Café einen anderen Einrichtungsstil?“, fragte Manfred. „Ist das nicht ein Erkennungszeichen, wenn man überall gleich eingerichtet ist?“
„Hat sich so ergeben“, sagte Lucas. „Wir haben uns jeweils den Raum angesehen und jedes Mal hatten wir eine andere Idee, was dazu passen würde.“
„Ach so.“ Manfred sah sich um und nickte. „Verstehe.“ Dann reichte er Lucas die Tüte. „Du trägst ja schon eine Maske“, stellte er fest.
„Wir alle. Wir wollen die Behörden natürlich zufrieden stellen.“ Lucas musterte seinen Vater. „Schick, Papa.“
„Lach nur. Du könntest aus Solidarität auch eine mit Marienkäfern wählen.“
„Vergiss es.“ Lucas sah in die Tüte. „Die Mitarbeiter nehmen auf jeden Fall jeder noch eine, denn man muss die Dinger immer wieder auswaschen. Da werde ich bei Mama welche nachbestellen müssen.“
„Das wird für sie kein Problem sein. Du musst für dich wenigstens auch eine aussuchen. Sollte sie je hier vorbeikommen, wird sie enttäuscht sein, wenn du keine von ihr vorzeigen kannst.“
„Klar.“ Er sah sich die anderen Sachen an. „Diese Wärmefilzdinger sind wirklich gut. Die passen zu den wiederverwendbaren To Go Bechern, die wir anbieten. Von denen kann sie gern noch mehr nähen. Die Brötchenkörbe kann ich ruhig probeweise im Shop anbieten. Mal sehen, wie die ankommen.“
„Da wird sie sich freuen.“
„Ich bringe alles später bei Lea vorbei. Die hat doch früher so tolle Fotos gemacht. Sie soll mir die Sachen fotografieren, dass wir sie im Shop einstellen können.“
„Das wird ein richtiges Familienunternehmen. Jetzt brauchen wir noch eine Beschäftigung für mich.“
Lucas sah seinen Vater an.
„Ist dir langweilig?“
„Ich werde wahnsinnig, wenn das so weitergeht“, sagte er prompt. „So viele Sudokus kann ich gar nicht lösen. Und deine Mutter hat mir verboten weitere Regale in der Wohnung zu reparieren. Den Balkon habe ich noch auf der Liste.“
„Tut mir echt leid.“ Lucas seufzte. „Ich glaube nicht, dass ich dich hier offiziell hinter der Theke arbeiten lassen kann. Wäre an sich auf vierhundertfünfzig Euro-Basis. Einer der Mitarbeiter ist seit heute krank und wird wohl länger ausfallen. Aber Dirk ist ein echtes Mimöschen, was die Sicherheitsmaßnahmen anbelangt aus Angst, dass wir Ärger bekommen. Hat er auch recht, muss ich zugeben. Da kann ich nicht ausgerechnet jetzt jemanden aus der Risikogruppe hier einschleusen.“
„Ich komme mir langsam vor wie ein Illegaler“, brummte Manfred. Sein Sohn klopfte ihm auf die Schulter.
„Hei, wie sagen die Leute? Euretwegen machen wir den ganzen Aufstand. Lass mich überlegen, da finden wir noch was anderes für dich.“
„Mach dir mal keinen Kopf um mich“, versicherte Manfred. „Vielleicht bestelle ich mir im Internet so ein Brauerei-Set und übe mich im Bierbrauen. Wie geht’s dir denn, Junge? Man sieht ja nichts hinter dieser Maske im Gesicht.“
Lucas packte die Sachen zurück in die Tüte, bevor er antwortete.
„Ganz ehrlich? Dieser Morgen fing bescheiden an. Wir haben von unserem Verpächter in der Schellingstraße ein Schreiben bekommen, dass er unseren Pachtvertrag zum Oktober nicht mehr verlängern wird.“
„Verdammt nochmal“, sagte Manfred. „Kann man nicht mit ihm reden?“
„Nein. Dirk hat mit ihm telefoniert. Es war sehr deutlich, dass er uns raushaben will. Er hat uns gnädigerweise einen neuen Pachtvertrag mit einer saftigen Pachterhöhung angeboten, die wir nicht schultern können.“
„In dieser Zeit? Was denkt der sich denn?“
Lucas hob die Schultern.
„Der hat sich schon die letzen Jahre geärgert, dass er nicht mit den Münchner Preisen mitziehen konnte. Er konnte während der Laufzeit nämlich nicht erhöhen. Jetzt hat er wahrscheinlich auch noch Angst, dass wir wegen Corona Miese machen, da will er uns lieber gleich vom Hals haben.“
„Aber jetzt wird er doch eher schwer einen neuen Pächter finden.“
„Das sieht er anders. Ich kann mir vorstellen, dass er schon länger einen Interessenten hat.“
„Was macht ihr jetzt?“
„Wir haben noch keine Idee, was wir machen. Vielleicht finden wir was Neues, vielleicht sind wir im Oktober aber auch froh, wenn wir uns verkleinern. Wer weiß. Aber wir hatten uns da eine gute Stammkundschaft aufgebaut.“ Er sah zum Tresen hinüber. „Komm mal mit hinter den Tresen. Ich muss mithelfen.“
„Lassen wir das besser, ich will nicht, dass du hier noch Ärger bekommst“, sagte Manfred, jetzt doch vorsichtig.
„Ach was. Dürfen nur Dirk und Mama nicht erfahren. Musst dir vorher die Hände desinfizieren, dann kannst du die Milch aufschäumen.“ Er zog kurz die Maske bis unters Kinn und grinste seinen Vater an. „Kannst du das?“
„Das kriege ich schon hin.“
Er hätte seinem Sohn gern noch mehr geholfen, dachte er bekümmert.
Gerade hatte er Übung darin bekommen, wie das mit dem Milchaufschäumen funktionierte, als er in seinem Rücken hörte, wie Lucas einen neuen Kunden begrüßte.
„Hallo schöne Frau, womit habe ich denn diese Ehre verdient?“
Manfred hob interessiert die Augenbrauen und spitze die Ohren.
„Hallo. Ich musste meine Joggingrunde laufen. Das ist erlaubt. Jetzt belohne ich mich mit einem Kaffee.“ Die Stimme der Frau war angenehm, auch wenn sie die Worte etwas in die Länge zog.
„Süße, das sind rund acht Kilometer bis hierher“, sagte Lucas. „Ach echt?“ Kleines Lachen. Manfred schmunzelte. „Ich muss ja trainieren, wenn ich mit meiner Laufgruppe weiter mithalten will. Vielleicht aber“, kleine Pause, „hab ich dich auch vermisst.“
Neckisch, stellte Manfred fest. Er beschloss, dass er unbedingt das Milchkännchen ausspülen müsste und drehte sich um, um hinter Lucas zur Spüle hinüberzugehen.
Fesch, stellte er fest. Eine sehr fesche Dunkelhaarige in Laufsachen, die da seinen Sohn anlächelte. Ein Glück, dass sie keine Maske trug. In dem Moment erinnerte er sich an seine und wandte sich rasch wieder um.
„Ich habe Glück, es ist gerade keiner hinter mir“, stellte sie fest.
„Stimmt. Bis eben war viel los. Was darf’s denn sein?“
„Ein Espresso, bitte. Wie geht’s dir?“
„Seit einer Minute besser.“
Sie lachte.
„Und was war davor?“
„Ach, Ärger“, sagte Lucas und stellte ihr gleich darauf den Espresso auf den Tresen. „Wir müssen zum November aus der Schellingstraße raus.“
„Wieso denn das? Geht das so einfach?“
„Leider ja. Der Verpächter verlängert uns die Pacht nicht.“
„Ist das nicht ziemlich schlimm für euch?“
„Ziemlich“, stimmte er zu. „Das war unsere Stammfiliale. Wir müssen uns was einfallen lassen.“
„Tut mir sehr leid“, sagte sie. „Dann lass ich dich heute mal besser in Ruhe.“
„Warum?“, fragte Lucas verblüfft. „Im Gegenteil, ich würde ich mich freuen, dich später zu sehen.“
„Ja?“, fragte sie zweifelnd. „Bist du dann nicht eher mit deinen Gedanken woanders?“
Oha, dachte Manfred. Er blickte unschlüssig auf sein Milchkännchen.
„Können Sie mir geben“, sagte Lucas Mitarbeiterin in dem Moment freundlich und streckte die Hand aus.
„Ach danke“, murmelte er und reichte ihr das Kännchen.
„Wenn das passieren sollte, kannst du mich ja wieder ablenken“, hörte er mit halbem Ohr Lucas sagen.
„Mhm, das könnte ich sicherlich“, sagte sie, klang aber nicht mehr so begeistert. „Ruf mich an, wenn du fertig bist mit der Arbeit, dann sehen wir, ob es passt. Ich habe auch noch zu tun.“
„Machen wir’s so“, sagte Lucas nur, ohne dass sein Ton verriet, was er davon hielt.
Manfred bückte sich, um ein Holzstäbchen aufzuheben, das schon die ganze Zeit am Boden gelegen hatte und erhaschte einen weiteren Blick auf die Frau, als sie sich über den Tresen lehnte.
„Dann lass mich dir einen Trostkuss geben“, sagte sie und hauchte einen Kuss in die Luft Richtung Lucas. Manfred brauchte länger, um das Holzstäbchen zu fassen zu bekommen. So war das eben im Alter. Als er sich wieder aufrichtete, holte die Frau gerade einen Geldschein aus der Tasche ihrer Laufjacke.
„Geht auf’s Haus“, sagte Lucas und schob seine Maske wieder hoch. „Das dort“, er deutete mit der Hand über die Schulter, „ist übrigens mein Vater.“
Notgedrungen sah Manfred sie an und hob die Hand zum Gruß.
„Nein, wirklich?“, rief sie und strahlte ihn an. „Das ist ja nett. Ich bin Isabelle. Freut mich.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen, zog sie dann aber mit einem Lachen zurück. „Sorry, ganz vergessen, kein Händeschüttln zur Zeit!“ Sie hob ihren Ellenbogen und deutete damit in Richtung Manfred. Der blickte etwas irritiert auf seine ausgestreckte Hand, dann auf ihren Ellenbogen. „So grüßt man sich derzeit, Papa“, sagte Lucas und stieß mit seinem Ellenbogen an den von Isabelle. „Oh, ja, dann ganz meinerseits“, sagte Manfred, und hob seinen Ellenbogen zum Gruß.

„Aber Sie arbeiten nicht hier, oder?“, fragte sie und sah zwischen ihm und Lucas hin und her.
„Ich bin eigentlich gar nicht da.“
„Aha.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Ich habe nichts gesehen. Danke für den Espresso“, sagte sie zu Lucas. „Ciao.“ Mit federnden Schritten verließ sie das Café.
Manfred stand neben Lucas.
„Aha“, meinte er. Lucas sah ihn an und zog eine Augenbraue hoch.
„Was?“
Wohl eher eine Frau für die schönen Momente im Leben, dachte Manfred.
„Sehr hübsch“, sagte er laut. „Ich werde deiner Mutter sagen, dass sie mich blamiert hat, weil ich mich mit Marienkäfern vorm Mund als dein Vater zu erkennen geben musste.“
Lucas lachte und überließ seiner Mitarbeiterin den nächsten Kunden. Plötzlich schnippte er mit den Fingern.
„Ha! Ich habe was für dich zu tun. Mein Schreibtisch ist zu groß. Ich habe mir bereits einen passenden entworfen und war schon vor zwei Monaten im Baumarkt. Die Platte habe ich zuschneiden lassen. Seitdem liegt das Holz und alles Material bei mir im Keller.“
Manfreds Augen begannen zu leuchten.
„Verstehe. Du kommst auch weiterhin nicht dazu.“
„Sehe ich im Moment auch so. Aber ich will das große Ding aus der Wohnung haben. Ich könnte dir das Material vorbeifahren und im Hinterhof abstellen. Du bräuchtest mir nur die Tür von oben öffnen, dann kann keiner der Nachbarn was sagen.“
„Wann?“
Lucas überlegte.
„Na, vor morgen Abend werde ich es nicht schaffen, sorry. Vielleicht auch erst Samstag.“
„Kein Problem. Bis dahin kümmere ich mich um den Balkon.“
„Alles klar. Was macht denn eigentlich dein Bein?“, fragte sein Sohn.
„Nicht so gut, aber da kann man nichts machen. Bisher steht der Operationstermin. Hoffen wir mal, dass sie mir nicht absagen.“
„Ich drücke die Daumen.“ Lucas kniff leicht die Augen zusammen. „Du, aber du hältst dich an meinen Entwurf, ja? Nicht dass du auf die Idee kommst, Veränderungen an meinem Tisch vorzunehmen.“
„Ich werd mir das mal ansehen.“
„Ich warne dich, sonst leihe ich dir nicht meine Bohrmaschine.“
„Pf, habe doch noch meine eigene.“ Eine handliche kleine hatte er sich vor zwei Jahren gekauft, weil er seine große nicht mehr richtig halten konnte. Aber das würde er dem Jungen nicht unter die Nase reiben. „Beruhige dich. Wenn ich Verbesserungsvorschläge habe, melde ich mich vorher bei dir.“
„Du riskierst hier ein Hausverbot“, drohte Lucas.
„Hehe“, machte Manfred und klopfte Lucas auf den Rücken. „Ich mache mich auf den Heimweg. Lass dich nicht unterkriegen.“

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Kapitel 15 coming soon: 07.05.2020!