Vincent, München I Love You Teenager LOVE IT ALL Style

Kapitel 12: München, I Love You!

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Love It All Figurine ist am Lesen


"München, I Love You"
#lebensglücktrotzpandemie

Kapitel 12:

Silvie

Zu Silvies Erleichterung landete der Flieger pünktlich. Das Gepäck war bereits durchgecheckt bis Berlin. Vincent musste denselben Flug erreichen, also war sie nicht allein beim Umsteigen. Alle Leute im Flughafen schienen es eilig zu haben.
„Das ist total gespenstisch“, sagte Silvie, während sie zu ihrem neuen Gate hasteten. „Überall Gitter vor den Geschäften und alles zu.“
„Mh“, machte Vincent nur, während er die Schilder absuchte. „Wir sind falsch.“
„Was, wieso?“ Sie sah sich um. „Eben wurde es doch noch angezeigt.“
„Muss da vorn irgendwo abgezweigt sein.“
Sie machten kehrt und liefen die Strecke ab, bis sie die Abzweigung gefunden hatten. Jetzt verfielen sie beide in Laufschritt und joggten.
„Wir dürfen den jetzt nicht verpassen!“, rief Silvie keuchend. „Kannst du nicht schnell mit mir wetten?“
„So funktioniert das nicht.“
„Ich wette, wir kriegen ihn“, sagte sie und legte noch etwas an Tempo zu. Er holte auf.
„Wetten nicht“, meinte er, als er neben ihr joggte.
Als sie am Gate ankamen, hatte das Boarding schon begonnen. Im Gegensatz zum letzten würde dieser Flieger brechend voll sein, dachte Silvie. Eine lange Schlange stand bereits an. Hauptsache, sie hatten es geschafft.
„Geht doch“, meinte sie und grinste Vincent an.
Als sie sich eingereiht hatten, holte sie ihr Handy aus der Tasche. Fragend sah sie ihn an.
„Sagst du deinen Eltern nicht Bescheid?“
„Es ist Mitternacht, mein Vater schläft sicher“, sagte er zweifelnd.
Sie zuckte die Schultern.
„Meine Mutter schläft bestimmt auf dem Handy, wenn sie überhaupt ein Auge zugemacht hat.“
Wie erwartet war ihre Mutter nach dem zweiten Klingeln am Telefon.
„Alles gut gegangen, Mom“, sagte Silvie. „Ich stehe in der Schlange zum Flieger. Du kannst jetzt beruhigt schlafen.“
„Bin ich froh. Stell dir vor, der Konsul hat uns noch angerufen, um zu hören, ob du aus Puerto Rico rausgekommen bist. Er hätte dich ansonsten vom Flughafen abgeholt.“
„Im Ernst? Krass.“
„Ja, ich finde das „krass“ hilfsbereit“, meinte ihre Mutter. „Ich werde ihm morgen noch eine Email schreiben.“
„Dann schlaf schön jetzt. Grüß Papa.“
„Schlaf du auch gut im Flieger.“
Silvie erzählte Vincent vom Konsul.
„Wow. Da hast du jetzt was verpasst.“
„Also, ich bin trotzdem lieber auf dem Weg nach Hause. Was ist mit deiner Gastfamilie, sind sie gut zu Hause angekommen?“
Vincent war wie sie auf einem Schüleraustausch, allerdings in Maine, und gerade mit seiner Gastfamilie in Puerto Rico zum Surfen gewesen. Durch die Anschlussflüge, die er brauchte, hatte es sich ergeben, dass die Gastfamilie einen Tag vor ihm nach New York zurückgeflogen war.
„Die sind wieder zu Hause. Brian hat mir vor ein paar Stunden geschrieben.“ Er zog sein Handy aus der Tasche. „Ich werde jetzt meinem Vater eine Nachricht schreiben. Falls er tatsächlich wach ist, wird er sie lesen. Falls er schläft, wecke ich ihn nicht.“
„Mach das mal.“ Sie sah sich in der Schlange um. „Wo sitzt du denn diesmal?“
Vincent reichte ihr sein Ticket.
„Schade, wir sitzen nicht nebeneinander“, stellte Silvie fest. Der Zufall wäre auch zu groß gewesen. Enttäuscht gab sie ihm das Ticket zurück. Sie hatten Spaß gehabt auf dem Flug hierher. Er war absolut kein Vollidiot. Wenn sie ehrlich war, war er der erste Junge, der sie mehr interessierte.
„Warst du schon in New York?“, fragte er, als er seine Nachricht geschrieben hatte. Er hatte auf die Tatsache, dass sie nicht zusammensitzen würden, nicht reagiert. Vielleicht war das für ihn kein Problem, überlegte sie und fühlte sich ein bisschen niedergeschlagen.
„Nein, das habe ich leider nicht geschafft. Meine Gastfamilie wollte noch einen Ausflug mit mir dorthin machen.“
„Coole Stadt“, sagte er. „Ich war zweimal da, einmal mit meiner Familie“, er stockte, „also, mit meinem Vater vor zwei Jahren. Und mit meiner Gastfamilie auch nochmal. Musst du dir unbedingt anschauen, sobald man wieder kann.“
„Werde ich machen.“
Plötzlich zog er sein Handy wieder aus der Tasche. Er sah auf das Display, dann lächelte er sie an.
„Hast recht gehabt, er hat noch nicht geschlafen.“
„Das war doch klar“, sagte sie und stupste ihn an. Er legte den Arm um ihre Schultern und drückte sie.
„Wenn ich dich nicht hätte“, meinte er neckend.
Plötzlich schlug ihr Herz viel schneller. Das war nun wirklich nicht mehr als kumpelhafte Umarmung zu nennen, aber… Mannomann, der hatte eine ganz andere Wirkung auf sie als die übrigen Jungs, die sie kannte.
„Tja, jetzt musst du wieder allein durchkommen“, sagte sie. Da hatten sie die Kontrolle erreicht und zeigten ihre Tickets vor.
Silvie hatte einen Platz in der Mittelreihe zwischen einer älteren Dame, die schon ihre Lektüre auspackte und einem sehr großen Mann am Gang, der sofort sein Laptop aufklappte, sobald Silvie auf ihrem Platz war. Vincent saß zwanzig Reihen weiter hinten.
„Also dann“, sagte Silvie. „Wir sehen uns vielleicht beim Aussteigen.“
„Du könntest auf mich warten“, schlug er vor.
„Ja“, meinte sie und legte den Kopf schief, als ob sie darüber nachdachte. „Könnte ich.“
Er zeigte mit dem Finger auf sie.
„Nicht vergessen.“ Hinter ihm drängte sich ein Passagier vorbei.
Sie tippte sich an die Schläfe.
Sobald er weg war, lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen. Na klar würde sie warten. Telefonnummern hatten sie bisher keine ausgetauscht. Sie wusste nur, dass er mit seinem Vater am Kolumbusplatz wohnte. Seine Mutter lebte in Köln und er hatte einen Halbbruder. Vielleicht ergab sich später die Gelegenheit Kontakte auszutauschen.
Aus Sorge, dass die ältere Frau sie in ein Gespräch verwickelte, hielt Silvie die Augen weiterhin geschlossen. Von dem Mann mit dem Laptop drohte so eine Gefahr sicher nicht. Nach einer Weile beruhigten sich die Geräusche, die Leute hatten ihre Plätze eingenommen.
„Entschuldigen Sie.“
Sie zuckte zusammen als sie eindeutig Vincents Stimme hörte und schlug die Augen auf. Tatsächlich stand er neben dem Mann im Gang, der ihn überrascht ansah.
„Ich habe da hinten einen Platz am Notausgang“, fuhr Vincent fort. „Sie sind noch größer als ich.“ Er zeigte auf die Beine des Mannes. „Möchten Sie mit mir tauschen?“
Der Mann sah ihn zunächst ganz perplex an, doch Vincent hielt ihm sein Ticket unter die Nase, damit er sehen konnte, wo er saß.
„Na, aber sicher“, sagte der Mann hoch erfreut. Er bedankte sich, während er seine Sachen zusammensuchte und Vincent ihm versicherte, dass es gar kein Thema sei, er wisse, wie das mit langen Beinen im Flugzeug sei. Dann waren sie auch schon nach hinten verschwunden.
Silvie saß auf ihrem Platz und strahlte von einem Ohr zum anderen. Das tat sie auch noch, als Vincent mit seiner Tasche wieder da war und sich auf den freien Platz setzte. Er rückte hin und her, bis er seine Beine schräg am Vordersitz vorbei verstaut hatte.
„Ich sag ja, unbequem“, betonte er grummelig.
„Du wolltest tauschen“, erinnerte sie ihn
„Ja“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Mein Nachbar dort spielt bestimmt nicht Karten und war total hässlich.“
„Ach?“, fragte sie nur.
„Ja.“ Er sah sie schweigend an und seine Coolheit schien ihn für den Moment verlassen zu haben. Sie kam ihm nicht zu Hilfe.
„Ist das okay, dass ich hier sitze?“
„Na, ich kann nichts mehr dagegen machen, oder?“, gab sie zurück. Jetzt sah er wirklich verunsichert aus. Dabei war sie sicher gewesen, dass man ihr an der Nasenspitze hatte ansehen können, wie sie sich gefreut hatte. Silvie hatte ein zu weiches Herz, um den Scherz weiter zu treiben.
„Es ist absolut okay“, sagte sie. Sein Grinsen verriet seine Erleichterung.
„Ich habe deinem Gedächtnis nicht so ganz getraut, weißt du“, sagte er und lehnte sich zurück. „Immerhin hast du dich vorhin schon verlaufen.“
„Ich hör wohl nicht richtig“, empörte sie sich lachend.
„Außerdem wollte ich noch einiges von dir wissen“, ergänzte er. „Der Flug vorhin war zu kurz.“
Wer musste schon schlafen auf dem Flug? Sie ganz sicher nicht.
„Na dann“, sagte sie und machte es sich bequemer, „schieß los.“

Rauhaardackel Lulu München

Kati

Kati saß über einem neuen Skizzenbuch mit Aquarellfarben, Fasermarker, Bleistifte und andere Materialien, die sie um sich herum ausgebreitet hatte. Nach einem langen Spaziergang lag Lulu zusammengerollt auf dem Stuhl neben ihr.
Seit über einer Stunde zeichnete und malte Kati. Den Vormittag über hatte sie den Businessplan geschrieben und an ihre Freundin Regina geschickt. Die arbeitete in einem Unternehmen im Projektmanagement und konnte ihr am besten hierzu Rat geben. Kati hatte sich entschlossen, erst einmal abzuwarten. Zunächst hatte sie Überstunden und Urlaub zur Verfügung. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie die erste wäre, die ihr Chef kündigen würde. Dann wollte sie, statt sich arbeitslos zu melden, Gründungszuschuss beantragen. Bis dahin würde sie sich so gut wie möglich vorbereiten. Sicher war es auf den ersten Blick kein günstiger Zeitpunkt in dieser Krise. Aber der Arbeitsmarkt würde nicht viel erfreulicher für sie sein. Sie sah für sich Potential, um Kunden zu finden. Online-Business würde gerade jetzt nicht an Bedeutung verlieren, im Gegenteil. Ein guter Webauftritt war wichtiger als je zuvor. Zumindest würde sie die Leute davon überzeugen. Außerdem war sie eine der ganz wenigen Webdesigner in Deutschland, die neben WordPress auf Squarespace spezialisiert war.
Heute Vormittag hatte sie ihren Instagram-Account entstaubt und mit Beispielen aus ihren Skizzenbüchern bestückt. Mit der Zeit würde sie Mockups für Webseiten mit einbeziehen und Tipps zum DIY Webdesign auf einer eigenen Webseite geben. Eins nach dem anderen. Jetzt war es erst einmal nur ein Insta-Portfolio für sie als Grafikerin.
Sie hatte sich durch die Wissenschaft der Hashtags durchkämpfen müssen und war fast verzweifelt. Für diese Dinge hatte sie sich nie interessiert. Facebook war lediglich eine Art Telefonbuch für sie gewesen. Jetzt musste sie sich mit Social Media beschäftigen und fand es unglaublich, wieviel Zeit dabei drauf ging, obwohl man gefühlt nichts erschuf. Völlig entnervt war sie schließlich mit Lulu an die frische Luft gegangen. Umso überraschter war sie, als sie beim Heimkommen den Account prüfte und bereits mehrere Follower und eine ganz beträchtliche Anzahl an Likes für ihre Posts hatte. Dann hatte sie fast die gleiche Zeit darauf verwandt, zurück zu liken und zu folgen, in der Hoffnung, das sei richtig. Sie stellte fest, dass durch die Accounts zu scrollen zwar inspirierend, aber ebenfalls destruktiv sein konnte. Hier musste sie sich unbedingt ein Zeitmanagement erarbeiten.
Anschließend hatte sie sich eine Pause gegönnt, in der sie endlich kreativ sein durfte.
Ihr Handy brummte. „Stammtisch-Reminder!“
Sie hatte völlig die Zeit vergessen. Rasch ging sie zu ihrem Laptop und meldete sich bei Zoom an. Eine ihrer Freundinnen hatte den monatlichen Mädelsstammtisch in den digitalen Raum verlegt. Eine nach der anderen erschien in einem Feld auf dem Bildschirm, insgesamt sieben Frauen.
Alle bis auf zwei von ihnen blickten etwas angespannt in die Kamera. Die anderen beiden waren von ihren Job Videokonferenzen schon gewöhnt.
„Hallo“, rief Kati, im selben Moment wie drei andere. Alles war durcheinander. In den ersten zehn Minuten waren sie damit beschäftigt, den besten Empfang zu finden – Steffi musste dreimal den Platz wechseln – und eine gewisse Redeordnung einzuführen. Regina machte den Vorschlag, dass alle, die nicht gerade sprachen, ihr Mikrofon auf stumm schalten sollten, damit die Sprachqualität besser werde. Schließlich hatten sie sich eingewöhnt. Die meisten hatten sich bereits einen Drink geholt. Kati nutze das anfängliche Chaos, um sich auch ein Glas Wein einzugießen.
Nina und Elena waren bereits seit einer Woche im Home-Office. Kati freute sich, alle sehen zu können trotz Kontaktbeschränkungen. Allerdings war es nicht dasselbe, wie sie schnell feststellte. Allein schon, weil immer nur eine zur Zeit erzählen konnte, was bei sieben Frauen schlicht untypisch war. Natürlich war Corona das vorherrschende Thema. Die Berichte in den Medien, die Ankündigungen der Arbeitgeber, wie ging man am besten mit der ganzen Zeit zu Hause um? Regina und Nina hatten Kinder zu Hause, mit denen sie im Home-Schooling kämpften, Elena war bereits jetzt auf Kurzarbeit gesetzt worden.
Kati beschränkte sich zunächst aufs Zuhören, nachdem sie zweimal gleichzeitig mit jemandem angesetzt und dabei die Sprachqualität gestört hatte.
„Kati, du hast auf jeden Fall schon ein Hobby für die Abende gefunden“, sagte Tina in dem Moment. „Ich habe gesehen, was du auf Instagram gepostet hast. Sehr schöne Zeichnungen.“
„Danke. Ein Hobby ist es allerdings nicht. Ich habe vor, mich selbständig zu machen.“
Jetzt reagierten doch alle gleichzeitig und die Übertragung war schrecklich.
„Aber nicht jetzt, oder?“
„Ob das so gut ist?“
„Bist du denn gekündigt worden?“
Sie ärgerte sich über sich selbst, dass sie das Thema auf den Tisch gebracht hatte. Ausgerechnet jetzt und mit einem noch nicht voll ausgearbeiteten Plan konnte sie ihre besorgten Freundinnen kaum überzeugen.
„Also Kati, das überleg dir besser“, sagte Tina ernst, „solange du deinen Job behalten kannst. Wir wissen jetzt schon, dass wir mit unserer Kanzlei aus den Räumen ausziehen müssen.“
Das lenkte die Aufmerksamkeit sofort von Kati ab. Tina war Partnerin in einer kleinen Boutique Kanzlei und bisher war ihr Team erfolgreich gewesen seit der Gründung.
„Tja“, beantwortete sie die Überraschung der anderen, „unser Rechtsbereich profitiert leider nicht von der Krise. Am Freitag Abend haben wir von unserem größten Mandanten eine Email bekommen, dass er wegen Corona selbstverständlich die fällige Teilzahlung erstmal nicht überweisen wird.“
„Frechheit“, schaltete sich Regina dazwischen.
„Ist es. Aber er weiß genau, dass wir nicht viel machen können, außer mahnen und irgendwann klagen, was wir uns gut überlegen müssen. Das ist ein großes Unternehmen, der könnte noch locker leisten. Seine Zahlung hätte schon den Großteil unserer laufenden Kosten gedeckt. Jetzt kriegen wir die Miete wahrscheinlich im nächsten Monat nicht zusammen. Die anderen Mandate haben auch teilweise schon Zahlungsaufschub von sich aus angekündigt, andere haben Aufträge für Vertragsprüfungen zurückgezogen. Ich war mitten in der Akquise für zwei interessanten Mandate – beide weggebrochen.“
„Aber es wurde schon angedeutet, dass bei den Mieten doch Aufschub gewährt werden muss“, meinte Elena.
Tina schüttelte den Kopf.
„Naja, das wird bisher empfohlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Eigentümer dazu zwingen kann. Unser Vermieter hat jedenfalls sofort erklärt, dass er sich auf keinen Fall darauf einlässt. Zumindest werden wir mit ihm vor Gericht darum streiten müssen.“
Die Stimmung war danach bedrückt. Gerade jetzt fand Kati, dass das digitale Treffen die Nähe und Unterstützung, die man gespürt hätte, hätten sie an einem Tisch gesessen, nicht wirklich vermitteln konnte. Auch weil eine lebhafte Diskussion nicht in gleicher Art möglich war. Oder vielleicht waren sie alle noch nicht daran gewöhnt. Nur langsam kam ein wenig Lachen auf, als Steffi von ihren Plänen berichtete, während ihrer Zeit zu Hause die Wohnung zu renovieren und Elena die Yoga-Onlinekurse aufzählte, die sie besuchen wollte.
Kati bekam eine Nachricht auf ihr Handy von Regina.
Wir zwei telefonieren morgen in Ruhe, oder? Dann besprechen wir deine Pläne. Ich habe mir dazu schon Gedanken gemacht.
Das war eine gute Idee. Nach Tinas Geschichte hatte sie sich sofort gefragt, wie sie glauben konnte, dass sie Aufträge finden würde. Was sagten schon ein paar Social Media Likes aus. Aber sie hatte ein Konzept im Kopf und das musste sie nur konsequent ausarbeiten. Außerdem brauchte sie kein Büro und konnte ihre Kosten niedrig halten.
„Noch etwas“, sagte Regina über Zoom jetzt, „für alle von uns, die gern Kaffee trinken. Ich bestelle meinen Kaffee bei der Kaffeekette Coffee Addicts. Die haben eine Filiale bei mir um die Ecke in der Schellingstraße, und sie liefern einem die Packung frisch gerösteten Kaffee direkt vor die Wohnungstür. Kontaktlos. Wenn man will, kann man sogar noch Zimtschnecken dazu bekommen. Sie liefern nicht in alle Münchner Stadtteile, aber decken den Innenbereich schon gut ab. Ich wollte euch das empfehlen, so kann man wenigstens ein paar von den kleinen Unternehmen unterstützen, wenn sie sich schon so viel Mühe geben.“
Zum Schluss waren alle immerhin wieder ein wenig aufgelockert und sie vereinbarten den nächsten Termin. Auch die Dauer des Treffens war deutlich kürzer als sonst gewesen, sie hatten nur wenig mehr als eine Stunde miteinander gesprochen. Aber das würde sich noch ändern mit den nächsten Terminen. Schön war es auf jeden Fall gewesen.
Anschließend suchte Kati im Internet nach dem Shop von Coffee Addicts, da ihr tatsächlich heute früh der Kaffee ausgegangen war.
Die Seite war nett gemacht und die Kaffeesorten klangen lecker, aber irgendetwas stimmte mit der Technik nicht. Ständig flog sie vor dem  Check-Out raus.
„Das gibt’s doch nicht“, schimpfte sie. Allerdings hatte sie einen Verdacht, woran es bei denen lag. Sie gab auf und klickte auf Kontakt.
„Ach, guck an“, murmelte sie. Eine Filiale war in der Wörthstraße in Haidhausen. Auf der Eingangsseite hatten sie groß geschrieben, dass sie für Außerhausverkauf geöffnet blieben. Sie würde morgen früh dorthin radeln und ihre Bestellung aufgeben. Als sie ins Bett ging fiel ihr ein, dass sie Tim nicht geantwortet hatte, der ihr im Laufe des Tages eine Nachricht geschrieben hatte. Das hatte sie über der Arbeit glatt vergessen. Aber jetzt war sie einfach zu müde.
Am nächsten Morgen musste sie zunächst auf Kaffee verzichten, als sie sich ans Arbeiten machte. Aber in ihrer ersten Pause um halb zehn fuhr sie mit dem Fahrrad und Lulu vorne in im Korb über die Isar. Am Maximilianeum vorbei kreuzte sie über den Wiener Platz mit seinen kleinen, grünen Verkaufsbuden und kam gleich darauf in der Wörthstraße an.
Das Coffee Addicts war geöffnet, auf einem Schild wurde um Abstandhalten von 1,5 m gebeten. Gerade war allerdings nicht viel los und Kati musste nicht lange warten. Im Café war der Sitzbereich durch ein Band abgesperrt. Es duftete herrlich nach Kaffee und Zimt. Der junge Mann hinter der Theke machte ihr einen Cappuccino to go. Als er fertig war, schilderte ihm Kati das Problem.
„Ich habe heute früh schon gehört, dass es Probleme mit der Seite gibt“, sagte er und nickte betrübt. „Offenbar nur mit ein paar Produkten.“
„Ich habe nicht alle probiert, ich wollte nur einen bestimmten Kaffee“, sagte Kati.
„Leider klappt es bei mehreren nicht“, meinte er. „Seit gestern erst. Der Chef war heute nur am Schimpfen, als er mit dem Programmierer telefonierte.“
„Klappt es immer noch nicht?“
Er zuckte die Schultern.
„Bisher offenbar nicht, aber das müssen die unbedingt hinkriegen. Der Online-Verkauf ist derzeit so wichtig für uns.“
Er reichte ihr eine Liste.
„Du kannst deine Bestellung auf jeden Fall hier eintragen. Wunschliefertermin nicht vergessen, bitte. Wir geben das später dann ein und du bekommst eine Rechnung.“
„Weißt du“, sagte sie, nachdem sie ihre Bestellung aufgeschrieben hatte. „Ich kenne mich gut aus mit einigen Shop-Programmen. Ich glaube sogar, ich weiß, woran es bei euch liegt.“ Plötzlich gab es einen heftigen Ruck an der Leine. Lulu wollte offenbar den Laden verlassen, aber Kati hatte jetzt Wichtigeres zu tun und ignorierte ihren Hund.
„Im Ernst?“, fragte der Barista erfreut.
„Ja, was benutzt ihr? Shopify oder ist es Versa? Lulu! Sei ruhig“, ohne hinzuschauen, zog sie an der Leine. „Ich hatte auf Shopify getippt. Damit kenne ich mich noch besser aus.“
„Also, ich habe da keine Ahnung“, sagte er und richtete seinen Blick hinter Katis Schulter, „aber der Chef weiß es.“
Kati drehte sich um. Lulu hatte nicht aus dem Café gewollt, wie sie jetzt sah sondern ein bekanntes Gesicht begrüßt. Der Mann, der den Dackel gestreichelt hatte und sich nun aufrichtete, war der aus dem Englischen Garten vom letzten Samstag. Der die Frau geküsst hatte.
„Oh.“ Kati starrte ihn verblüfft an und ihr fiel partout nichts weiter ein außer: „Hi.“
„Hallo mal wieder“, antwortete er. „Kann man dich buchen?“

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Kapitel 13 coming soon: 01.05.2020!