Kunsthalle München

Die Lust der Täuschung

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Kunsthalle München: Über die Lust sich täuschen zu lassen

"Ich weiß doch, was ich gesehen habe!" Kennen Sie diesen Ausspruch? Auf unser Auge allein ist kein Verlass. Dies ist nicht erst seit dem Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung so. Optische Täuschungen, visuelle Tricksereien, Illusionen herbei zaubern - all das gibt es schon seit vielen Jahrhunderten. Mit den Mitteln der heutigen Bildbearbeitung ist es selbst bei genauem Hinsehen oft nicht mehr möglich zu erkennen:
Ist es Fakt - oder Fiktion?
"Die Lust am Täuschen" zeigt in den Räumen der Kunsthalle München Beispiele aus Malerei, Skulptur, Architektur, aus Modedesign und interaktiver Virtual-Reality-Kunst, wie einfach wir zu täuschen sind - und wie unterhaltsam es ist, getäuscht zu werden.

"Die Lust am Täuschen": 17.08.2018 - 13.01.2019

Bereits in der Antike versuchten Künstler Fresken dreidimensional erscheinen zu lassen. Über die Jahrhunderte hinweg verfeinerten sich die Techniken und die Möglichkeit, verschiedene Materialien für immer verblüffendere Täuschungen einzusetzen. Die Tromp-l’oeils Malereien des 17ten Jahrhunderts ziehen bis heute den Betrachter in ihren Bann. Im 19ten und 20ten Jahrhundert kamen die Fotografie und Video Installationen hinzu. Kinofilme wurden immer spektakulärer bis hin zu 3D und sogar 4D Vorführungen. Jetzt, im 21ten Jahrhundert, sind wir im Zeitalter der interaktiven Virtual-Reality angekommen – in ihren Anfängen, wohlgemerkt! 

Wir beschließen im Team, dass die Ausstellung auf alle Fälle einen Besuch wert sein sollte. Unser jüngstes Teammitglied Lucas & ich wollen darüber berichten, und so machen wir uns am Wochenende auf den Weg. Zu unserem Glück ist an diesem Samstag Mittag nicht viel los. So können wir in Ruhe von Raum zu Raum schlendern. Staunend – und mit dem überlegenen Gefühl des modernen, aufgeklärten Menschen aus dem digitalen Zeitalter – betrachten wir ein Gemälde, dass dunkelblaue Trauben vor einer Holzwand darstellt. Die Früchte sehen so prall und saftig aus, als wenn man sie direkt aus dem Rahmen heraus pflücken und essen könnte. Bei einem weiteren Gemälde scheint es, als ob Holzscheite aus dem Bild in den Raum hinein ragen. Ein wunderschönes Möbelstück ist so filigran gearbeitet, dass wir selbst aus nächster Nähe zweimal hinsehen müssen, um zu erkennen, dass die Türen der Kommode nicht offen stehen sondern die Holzarbeiten dieses nur suggerieren.

Kurz darauf fragen wir uns verblüfft: Besteht dieses Kleid wirklich aus Stoff oder ist es „nur“ perfekt gemalt? Auch moderne Designer wie Jean-Paul Gaultier bedienen sich der optische Täuschung, um aus Modeentwürfen aufregende Kunstwerke zu gestalten.

Doch es gibt nicht nur Werke zu bestaunen...

Der Besucher darf auch (inter-)aktiv in die Virtual-Reality eintauchen. In einem fast leeren Raum liegen zwei Holzplanken am Boden. Zwei Mitarbeiterinnen der Kunsthalle stehen mit Virtual-Reality-Brillen bereit für eine atemberaubende Täuschung. Obwohl wir wissen, dass wir uns in München, in einem Raum in der Kunsthalle befinden, betreten wir kurz darauf – dank Virtual-Reality – den Lift eines Wolkenkratzers und fahren nach oben in den 80ten Stock (gefühlt noch 100m höher…). Ping! Das typische Fahrstuhl Signal ertönt u die Türen öffnen sich. Und da ist sie, die perfekte Täuschung: Vor uns liegt im strahlenden Sonnenschein eine einzelne Holzplanke, die ohne Sicherung an den Seiten hinausführt – tief unter uns rauscht der Verkehr der Großstadt, über uns ziehen Vögel ihre Bahnen. Auch wenn wir absolut sicher wissen, dass wir nur auf einem 2cm dicken Holzbrett stehen, dass fest und sicher auf dem Zimmerboden liegt – der Schritt hinaus auf die Holzplanke in schwindelerregender Höhe fällt erst einmal unglaublich schwer. Wie hatte die freundliche junge Dame beim Aufsetzen der Brillen noch erklärt: „Gehen Sie einfach auf die Planke hinaus, sehen sich um. Genießen Sie den Ausblick. Entweder drehen Sie dann wieder um und gehen zurück in den Lift – oder treten Sie einen Schritt zur Seite und lassen sich fallen.“ Fallen lassen? Oh nein! Bei aller Experimentierfreude – nein, ein Sprung vom Wolkenkratzer, auch wenn es nur ein virtueller ist, das ist zu viel verlangt! Zumindest für mich…. Lucas hingegen springt und „landet“ unverletzt auf der Erde. Okay, Täuschung gelungen! Ich bin allerdings doch ein wenig erleichtert, als ich die Brille wieder absetze. In „Reality“ habe ich Höhenangst – und die habe ich leider auch in der „Virtual-Reality“….

Schließlich kommen wir zum „Chalk Room“, einem Virtual-Reality-Kunstwerk von Lory Anderson. Die Schlange der Wartenden ist zunächst ein wenig abschreckend. Doch wir entschließen uns, die Wartezeit in Kauf zu nehmen. Nach 45 Minuten sind wir dran. Wir betreten den dunklen Raum, der über und über mit Schriftzeichen versehen ist, die im Schwarzlicht leuchten. Wir bekommen jeder einen Barhocker zugewiesen und die Brillen aufgesetzt. Zusätzlich erhalten wir auch noch Controller für jede Hand. Und dann dürfen wir uns auf die Reise durch die Buchstaben-Welt von Lory Anderson begeben. Wir fliegen nach oben, nach vorne, drehen uns um die eigene Achse. Ein anderes Mal tauchen wir durch die Buchstaben. Nach 10 Minuten, die uns viel länger vorkamen, ist die Reise beendet.

Fazit: die Wartezeit hat sich aus unserer Sicht absolut gelohnt!

Im Kreideraum

Zu guter Letzt....

Der Nachmittag in der Ausstellung verging wie im Fluge. Auch auf dem Weg raus, bleiben wir immer wieder vor dem einen oder anderen Objekt stehen – obwohl wir es uns bereits auf dem Hinweg ausführlich angesehen hatten. Als wir die Kunsthalle wieder verlassen, blendet uns der strahlende Sonnenschein. Nach so viel Fiktion und Virtual-Reality fühlen sich echte Sonnenstrahlen auf der Haut richtig gut an. Kurzerhand kaufen wir uns ein Eis und laufen an der Oper vorbei über das Max-Monument hinauf bis zum Maximilianeum. Von der Balustrade aus blicken wir auf die belebte Maximilianstraße hinunter – und lassen den Nachmittag ohne weitere Täuschungen ausklingen.

XOXO